Interview – Stil | Wolfgang Joop: Wenn etwas überall ist, ist es nicht da

© Werner Reichel

© Werner Reichel

Erschienen: Arte Magazin

Wir leben im Zeitalter der neuen Medien und Umbrüche. Wie wirkt sich das auf die Mode aus?

Alles ist schnell, flashartig. Jeder kann kleine Kampagnen auf Facebook und Instagram machen, permanent kontrollieren, regulieren, sich neu erfinden. Früher war Mode das internationale Esperanto einer bestimmten Gesellschaftsschicht, jetzt ist sie bloß noch eine gebrochene Sprache. Es geht darum, sich bemerkbar zu machen. Mode ist Teil der Self-Promotion.

Welche Identität hat Mode heutzutage?

Sieht man sich Magazine an, weiß man nicht, aus welcher Epoche die Bilder sind. Wir können heute keine Mode mehr erfinden, die Ausdruck unserer Jetzt-Zeit ist. Kein Mensch interessiert sich mehr für Haute Couture. Es gibt auch keine Trends mehr. Schaue ich mir John Gallianos Kollektion für Martin Margiela an, so sehe ich in diesem Werk gleich 20 Designer. Vielleicht ist das Deklinieren eines Stils nicht mehr zeitgemäß.

Wie vermeiden Sie dieses Kauderwelsch?

Ich vermeide es nicht. So kleide ich mich, so bin ich immer gewesen.

„Made in Italy“ und „Made in France“ sind renommierte Stilprädikate. Gibt es in Mode und Design auch einen Raum für „Made in Germany“?

Es gibt immer einen Fashion-Moment, in dem eine Art Verbindung aus Raum und Zeit stattfindet, wie eine merkwürdige Schicksalsbegegnung. In Deutschland gab es ihn in Hamburg in den 1970er und 80er Jahren mit Jil Sander und JOOP!, auch Karl Lagerfeld kam aus diesem Biotop. Es gab Eliten und Cliquen, die sich hinter den Rhododendron-Büschen versteckten, als Berlin noch Chaospunkt für Nachtschwärmer und München noch herzig war. Hamburg war schick.

Braucht denn Mode immer eine Elite?

Natürlich braucht sie diese. Sie gibt dir das gute Gefühl, dass nur wenige deine Sprache sprechen und dass du über die Mode deinesgleichen triffst.

Wäre eine Exzentrik, die man bei großen Designern wie etwa Elsa Schiaparelli oder Alexander McQueen findet, auch in Deutschland denkbar?

Wir Deutschen lassen uns gerne leiten, wenn es um Stil geht. In Deutschland hat die Industrie etwas zu sagen, die Mode nicht. Das ist eine Disbalance, die tief in unserer Wirklichkeit als Modedesigner manifestiert ist und nicht mehr aufgebrochen werden kann. Melancholie, Exzentrik wird nicht mehr zugelassen.

Wie äußert sich diese Einstellung konkret?

Man sieht das zum Beispiel unter anderem an den Outfits unserer öffentlichen Personen wie Frau Merkel. Sie ändert klugerweise am besten gar nichts. Das wirkt auch und vermittelt: „Ich habe Wichtigeres zu tun.“ Das findet man charmant und zuverlässig. Woanders wird der persönliche Look gezielter eingesetzt. Aber auch der Non-Look ist ein großer Aufwand.

Was ist Ihr Anspruch als Modedesigner?

Der Anspruch des Designers ist es, in das Leben der Menschen einzudringen. Es ist der Wunsch, Veränderungen und Gefühle einzubringen. Mit Kunst lade ich Menschen ins Museum ein, mit Design gehe ich zu ihnen nach Hause. Das ist das, was uns als Machtausübung fasziniert. Fashion ist nämlich auch heimliche Machtausübung.

Welche Rolle spielt Sehnsucht in der Mode?

Fashion verlangt immer wieder nach einem anderen Bild als dem, an das wir uns gerade gewöhnt haben. Überall gibt es Versuche, Sehnsucht zu erwecken mit Verheißungen wie „hot“, „geil“, „Glamour jetzt“. Aber das Kind ist überfordert mit dem überfüllten Spielzimmer. Und alle Philosophen haben es schon gesagt: Wenn etwas überall ist, ist es nicht da.

Sie stellen sich immer wieder den Herausforderungen der Branche. Woher kommt der Anreiz?

Ich entdecke immer wieder Neues. Die Inspiration für meine neue Winterkollektion, die natürlich noch nicht verraten werden darf, hängt schon im Atelier. Sie kam ganz plötzlich im Urlaub. Dann sah ich einen Dokumentarfilm bei ARTE mit demselben Thema. Das lag wohl in der Luft und heißt, dass andere ähnlich gefühlt haben. Jetzt hat mir die ARTE-Programmdirektion als Moderator des Fashionschwerpunkts das Moodboard, sprich das Modebarometer in die Hand gegeben. Es ist wie eine Art komische Verabredung von Geistern. Das ist das Spannende daran. So lange das noch funktioniert, möchte ich bei dem Spiel dabeibleiben.