Nachricht – Politik | Berlin nach dem Anschlag: Das Leben geht weiter

Published at faz.net (Frankfurter Allgemeine Zeitung Online)

Wer in den letzten Tagen keine Nachrichten gesehen hat, wüsste möglicherweise gar nicht, dass etwas Ungewöhnliches passiert passiert sein könnte, so gewohnt geht das Leben in Berlin seinen Gang. Am Alexanderplatz scheint die Sonne, die Geschäfte sind belebt, im Hintergrund spielen Weihnachtslieder, die Buden kochen Glühwein, und auch das Riesenrad fährt wieder.

„Unsere Stimmung ist super. Was passiert ist, ist schlimm, aber wir sind hier“, sagt ein Berliner Familienvater, der mit seinen Kindern den Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus besucht. „Wir kommen oft in die Stadt, und das werden wir auch weiterhin tun“, sagt ein Ehepaar aus dem naheliegenden Oranienburg. „Das Bewusstsein, dass auch in Berlin irgendwann etwas passieren würde, war schon lange da, aber das sollte uns in unserer Lebensweise nicht beeinflussen“.

„Es hätte überall passieren können, und es hätte auch ein Unfall sein können, warum sollte man sein Verhalten deswegen verändern“, fragt eine junge Schülerin.

Das Leben geht weiter, das ist der Konsens in der Hauptstadt. Die Menschen gehen auf die Straßen, sie lassen sich die Weihnachtsstimmung nicht nehmen.

Dennoch, auch wenn keine sichtbaren Spuren da sind, es gibt subtile Zeichen: es ist ungewöhnlich leise auf den Straßen, in den Bahnen, in den Geschäften. Man sieht Polizisten mit Maschinengewehren, mehr Sicherheitspersonal. Der Wirt am Glühweinstand vor der Galeria Kaufhof möchte nicht über das reden, was passiert ist. Und auch der Mann in der Brezelbude schaut bedrückt: „Die Stimmung ist nicht gut. Es sind weniger Leute da, und wir verkaufen alle weniger“, sagt er.

Auf dem Gendarmenmarkt sind Besucher und Budenbetreiber heiterer gestimmt. „Man merkt kaum, dass sich irgendwas verändert hat. Wir schauen mehr auf die Taschen, es sind mehr Polizisten hier. Aber abgesehen davon ist es wie immer“, sagt der Sicherheitsmann am Eingang des Weihnachtsmarkts.

„Mit dem Fokus der Angst rumzulaufen ist genau das Falsche. Jetzt sollten wir erst recht rausgehen und zeigen, dass wir uns nicht in unserer Freiheit beschneiden lassen“, sagt ein Mann, der seine Mittagspause hier verbringt; „Der Berliner ist widerstandsfähig. Wahrscheinlich sind in diesem Jahr mehr Fahrradfahrer auf der Straße umgekommen als Menschen am Breitscheidplatz. Es ist Quatsch, sich durch so etwas beeinflussen zu lassen “, fügt sein Kollege hinzu.

Eine Mitarbeiterin der Schokoladenmanufaktur auf dem Markt ist nicht über den Vorfall am Breitscheidplatz aufgebracht, sondern über die Kommunikation darüber: „Ich finde die Rhetorik, Berlin sei unter Attacke, richtig schlimm. Die Leute in Kriegsgebieten, die sterben, deren Häuser zerstört werden, die sind wirklich unter Attacke. Da geht es nicht nur darum, ob man sich zum Einkaufen raus traut oder nicht. Vor einigen Wochen ist ein Lastwagen am Treptower Park an der Kreuzung in eine Menschengruppe gefahren und hat drei Menschen getötet, darüber hat niemand berichtet. Jetzt gleich so eine starke Rhetorik zu machen und den nächstbesten braun aussehenden Mann zu verhaften, ohne, dass vorher eine Untersuchung stattfindet, wer das war, warum er das gemacht hat, ist falsch. Momentan weiß man noch gar nicht mit Sicherheit, was passiert ist“, sagt sie.

Am Breitscheidplatz, wo am Montagabend ein Lastwagen in den Weihnachtsmarkt gefahren ist und zwölf Menschen in den Tod riss, sieht es anders aus. Dort bleiben die Holzhütten geschlossen, überall stehen Kerzen, Blumen, Botschaften. Die Werbetafeln zeigen heute keine Reklame, sondern gedenken den Opfern. Neben der Gedächtniskirche weint eine Frau, vielleicht hat sie einen Angehörigen verloren, so wie der Karussellbetreiber vom Alexanderplatz, der wieder arbeiten muss, obwohl er um zwei Freunde trauert, die hier Opfer des Lastwagens waren.

In Berlin geht der Alltag weiter, man nimmt das Geschehene mit souveräner Gelassenheit. Am auffälligsten ist momentan nicht was geschehen ist, am auffälligsten ist das Interesse daran. Mehr noch als die Stadtbewohner, an denen das Ereignis wie beiläufig vorbeigeht, die schon bevor etwas passiert sein könnte darauf gefasst waren, sieht man internationale Journalisten. Auf den Berliner Weihnachtsmärkten und am Ort des Geschehens sind es die vielen Reporter, die ins Auge fallen.

Im Café neben dem Breitscheidplatz sind heute mehr internationale Berichterstatter als Touristen: Amerikanische, Skandinavische, Tschechische Fernsehteams, Reporter der New York Times, der Le Monde, des NBC, sie alle wollen wissen wie die Deutschen mit einem Vorfall umgehen, der möglicherweise der erste islamistisch motivierte Angriff gewesen sein könnte. Der Wirbel um das Geschehene in den Medien, er erfasst die Berliner nicht. Als sei die Stadt das Auge eines Tornados, das ruhig ist, während um ihn herum alles in Aufregung steckt.

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