Nachricht – Politik | Der Breitscheidplatz nach dem Anschlag

© Bo Weitz

Published on faz.net (Frankfurter Allgemeine Online)

Auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz geht alles wieder seinen Gang. Dort, wo am Montagabend ein mutmaßlich islamistisch motivierter Attentäter mit einem Lastwagen in den Markt hineinfuhr und zwölf Menschen in den Tod riss, stehen die Schlemmerbuden wie frisch geputzt, als hätte sich nichts ereignet. Und noch bevor die Rollläden hochgezogen werden, stehen hier Medienteams aus aller Welt mit ihren Kameras. Noch bevor sich die ersten Besucher einfinden, durchstreifen sie – mit Kameras und Schreibblöcken bewaffnet – den noch leeren Markt. Sie stürzen sich auf fast jeden Besucher und umlagern die Verkäufer hinter ihren weihnachtlich dekorierten Ständen. Die Damen von der Schlemmerbude schauen wie versteinert, ob wegen des mulmigen Gefühls nur ein paar Tage nach dem Vorfall am Ort des Geschehens zu stehen oder angesichts des ungewollten Medieninteresses, das weiß man nicht genau.

Als sie die ersten frisch gebratenen Champignons an einen Kunden weiterreicht, antwortet eine der Frauen auf die Journalistenfrage, wie es ihr gehe, nur sarkastisch mit „gut“. Und dann im Gespräch doch ehrlich: „Gut wird es bis zum Ende nicht mehr, aber es muss weiter gehen“. Die ersten Besucherinnen am Stand bemerken, dass die meisten Verkäuferinnen gar nicht deutsch sprechen. Es seien wohl Gastarbeiter, die man dazu bewegen konnte, sich an genau diese Stelle zu begeben, die noch vor 48 Stunden ein grauenhafter Tatort war.

Die beiden Damen wohnen hier, es ist „ihr“ Weihnachtsmarkt, und sie kommen, weil sie ein Zeichen setzen und die Budenbesitzer unterstützen wollen. „Die Welt hat sich verändert, und wir müssen damit leben, dass man in Menschenansammlungen angegriffen werden könnte. Man kann sich dann entweder einschließen oder normal weiterleben, und wir sind wieder hergekommen“, sagen sie.

In den ersten Minuten nach der Wiedereröffnung laufen Passanten vorbei, die nur über den Platz zum Bus müssen, der hier wieder zum Kurfürstendamm fährt. Aber auch Trauernde mit Blumen und Kerzen, die den Opfern ihr Mitgefühl bekunden wollen, sind gekommen. „Wir sind Berliner und wir haben eine Weile gebraucht um hierherzukommen. Auch wenn man es nicht unmittelbar erlebt hat, ist es ein beklemmendes Gefühl“, sagt eine Frau, die mit ihrem Sohn weiße Rosen niederlegen möchte.

„Berlin ist wieder auferstanden, so wie es so oft schon aus einer traumatischen Situation auferstanden ist“, sagt ein Anwohner. „Die Dezemberstimmung hier ist einmalig, und wir wollen zeigen, dass man sich nicht einschränken lässt, und die Budenbesitzer unterstützen“, ergänzt ein australischer Arzt, der an der Charité gearbeitet hat und wieder zu Besuch ist.

Die Betreiber und Mitarbeiter des Feuerzangenbowle-Standes, die direkt auf die Stelle blicken, wo der Lastwagen in den Markt hinein raste, wollen lieber nicht reden. Dennoch sind sie wieder hier, es muss weiter gehen. Und das muss für viele der Kleinunternehmer hier, wohl nicht nur aus Standhaftigkeit gegen den Terror, sondern auch aus ökonomischer Notwendigkeit. Für viele Schausteller gehört das Weihnachtsmarktgeschäft  zu ihrer Existenzgrundlage.

Lassen sich die Budenbesitzer doch auf ein Gespräch ein, dann wird lange über das Leben in Berlin, die Politik und die Medien räsoniert. Eine Budenbesitzerin sagt, sie sei einfach nur dankbar und glücklich, dass sie und ihre Nächsten noch leben. „Es hat genau die falschen Leute getroffen, kleine Leute, die sich um ihr alltägliches Leben kümmern müssen, und für die das hier ihre Existenz ist. Und es ist furchtbar, wie sehr das wieder von den Medien aufgespielt wurde“.

Es sei furchtbar, wie sofort wieder auf den Ausländer gezeigt werde, obwohl noch niemand genau wisse, was passiert sei. „Merkels Flüchtlingspolitik war eine der wenigen Dinge, hinter denen ich stehe. Die Türen für Bedürftige zu öffnen, das war das erste Mal, dass ich sie als meine Kanzlerin gesehen habe. Wir sind so ein reiches Land, und wir können es uns leisten bedürftigen Menschen zu helfen. Gerade in so schwierigen Zeiten sollten wir uns statt auf materielle Verlustängste auf Mitgefühl zurückbesinnen“, sagt sie.

An diesem Morgen ist sie durch den Markt gelaufen, um nach Bekannten zu suchen, denn die Leute hier seien ihre kleine Familie. In diesem Moment kommt ein Kollege von einem anderen Stand, er lacht ihr zu, gibt einen Handkuss, erkundigt sich nach befreundeten Budenbetreibern. Man hört Touristen, man hört Deutsche, die gekommen sind, den Unternehmern ihre Solidarität zu bezeugen. Hier hat man das Gefühl, Berlin reagiert mit der größten möglichen Würde: Zusammenhalt und Mitgefühl.

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