Portrait – Stil | Gembalies: Ein Berliner Modesalon

© Frauke Gembalies

© Frauke Gembalies

Erschienen: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Wenn Frauke Gembalies die Türen zu ihrem Atelier öffnet, könnte man meinen, die Schwelle zu einer anderen Zeit zu übertreten; man fühlt sich beinahe wie zurückversetzt in einen eleganten Modesalon aus dem Berlin der zwanziger Jahre.

Hinter weißen Flügeltüren begrüßt ein Carl Andre die Besucher. In der Diele stehen Sessel mit Samtbezug, an den Wänden hängen Fotografien von Thomas Ruff und Candida Höfer und eine Installation der befreundeten Künstlerin Paloma Varga Weisz. Vor deckenhohen Bücherregalen, großen Arbeitstischen und Schneiderpuppen stapeln sich im Arbeitszimmer Stoffrollen, Seide, Kaschmir und Piqué.

Im Esszimmer empfängt die Modedesignerin mit den großen blauen Augen und dem offenen Lächeln mit Tee und Bienenstich, es ist ruhig und sonnig, wir haben freien Blick auf den Berliner Westen mit seinen erhabenen Jugendstilbauten. In der Ecke steht ein Paar Kinderschuhe auf einem Sockel. „Die wollen alle immer sofort anfassen, aber tatsächlich ist das Kunst, eine Arbeit der amerikanischen Künstlerin Sherrie Levine“, sagt Gembalies. Trotzdem weckt die Skulptur die Sehnsucht nach Berührung, und das ist nur eine der vielen Spuren für ihre Liebe zu sinnlichen Assoziationen.

Über dem französischen Art-Nouveau-Tisch mit griechischen Malereien pendeln Artischockenlampen, ein Selbstporträt von Man Ray blickt von den Wänden. Es ist so großzügig und elegant, dass man ganz vergisst, dass es 2015 ist, wäre da nicht die zeitgenössische Kunst. Ein bisschen scheint es, als hätte sich Gembalies hier ein Refugium vor dem Zerrinnen der Zeit geschaffen, in dem alles, was schön und bedeutungsvoll ist, festgehalten wird.

Nach Jahren der Hektik in internationalen Modehäusern, bei Lanvin in Paris, bei Akris in der Schweiz, zuletzt als Kreativdirektorin des deutschen Hauses Rena Lange, hat sie sich 2012 in Berlin niedergelassen – zunächst ohne das Vorhaben, ein Label zu gründen: „Es war eine ganz freie, private Entscheidung, weil mein Mann und ich schon lange eine Verbindung zu der Stadt hatten, wir viele Freunde hier haben und immer schon hier leben wollten.“

Dass sie wieder angefangen hat, eine eigene Kollektion zu machen, hat sich aus der Nachfrage von Freundinnen nach ihrer Kleidung ergeben. Allerdings ohne sich in den drückenden Rhythmus der Modebranche einzufügen, denn Gembalies, das gleichnamige Label, präsentiert weder nach Saison, noch vertreibt es im Einzelhandel, sondern als Salon Privé, der sich ganz nach dem Befinden der Frauen richtet, die ihn führen.

„An den klassischen Vertrieb hätte ich mich so nicht getraut, das wäre zu mühselig und langwierig geworden“, sagt sie. Als schließlich Freundin Ekatharina Iliadis, die Jahrzehnte im Vertriebssystem der Luxusindustrie verbracht hat, mit der Idee eines Privatsalons an sie herangetreten ist, hat sich „das Räderwerk zwischen Idee und Realisation zusammengestellt“.

Auf der Suche nach einer alternativen Vertriebsstruktur, die sich dem schnellen saisonalen Kollektionsdruck entzieht, haben sich die Partnerinnen am Vorbild amerikanischer Trunk Shows orientiert, privaten Verkaufsveranstaltungen in exklusivem Rahmen für Luxus- und Brautmode.

Zwar müssen Stoffauswahl und Produktion frühzeitig geplant werden, weil dahinter ein professioneller Apparat mit Messen und Produktionsstandorten steht, aber durch den Wegfall des Lieferdrucks im Einzelhandel bleibt die Freiheit, über das ganze Jahr hinweg an den Modellen zu arbeiten, von denen die Klassiker immer wiederkehren. Das bietet auch wirtschaftlich eine Alternative. Durch den Privatsalon eröffnet sich auf der einen Seite ein ganz neuer Zugang zu Verfügbarkeit und Wertschätzung von Gütern, auf der anderen Seite werden Vertriebskosten gespart: „Selbst für luxusverwöhnte Frauen stehen die Preismargen in diesem Segment häufig in keinem Verhältnis mehr. Wir sparen an der Vertriebsstruktur und können so auf teure Materialien und Produktionsstätten zurückgreifen sowie ein reelles und zeitgemäßeres Preisverhältnis schaffen.“

Ein, zwei Mal im Jahr laden Gembalies und Iliadis ihre Kundinnen zu privaten Präsentationen in ihren wandernden Salon nach Berlin, Hamburg, München, Düsseldorf, Amsterdam und mittlerweile auch nach Zürich und London ein. Was zunächst ein intimer Kreis aus Freundinnen der Geschäftspartnerinnen war, hat sich schnell per Schneeballprinzip vergrößert, über Städte und Länder kommen Frauen jetzt auf Gembalies zu. Unter den Trägerinnen sind Galeristinnen, Künstlerinnen, Kulturschaffende, aber auch modisch interessierte Geschäftsfrauen.

So wie das Lebensgefühl von Gembalies’ Frauenzirkel ist auch ihre Kleidung. Die Designerin selbst trägt an diesem Tag eine bequeme Wollhose und ein burgundfarbenes Ledertop, dazu weiße Sneakers, leicht und doch elegant. Vor ihr liegen dicke Bücher, die vor Stimmungskollagen platzen. Es sind ihre Arbeitsmappen, in denen sie Assoziationen von Formen und Farben, Stoffen und Bewegungsmustern sammelt, die am Ende zu Kollektionen werden. Die Entwürfe sind – wie die Frauen, die sie tragen – zugleich diskret und souverän, elegant und praktisch. Es ist die Schlichtheit, es sind die organischen Formen und die klassischen Silhouetten, das Intermezzo von neutralen und kräftigen Farben, die frei von Trends sind. Die Kleidung ist ebenso beweglich wie ihre Trägerinnen, ungezwungen elegant, wie ein Verwirklichungsraum aus Stoff.

Gembalies-Frauen, so darf man sie nennen, haben Spaß und kommen bei den Salons Privés immer wieder zusammen.

Gezeigt werden in den Salons eine Auswahl von etwa einem Dutzend Teilen in verschiedenen Stoffen und Farben sowie Accessoires, die Kundinnen in intimem Rahmen anprobieren können und auf die sie nach Bestellung einige Wochen warten müssen.

„Wir wollten eine Art Schatzkiste schaffen, die unregelmäßig ist und nicht immer verfügbar, auf die man sich lange freut. Es geht um diesen direkten Bezug zu unseren Trägerinnen und den Austausch mit ihnen.“

Nicht nur die Atmosphäre, auch den Anspruch sieht man der Kollektion an: Im Bewusstsein für Qualität und Verarbeitung, in der Stoff- und Farbkombinatorik zeigen sich die Jahre, die Gembalies im internationalen Modegeschäft verbracht hat. Gefertigt wird bei einer mittelständischen französischen Unternehmerin, die im gleichen Alter ist und ähnliche Wertvorstellungen hat wie Gembalies und ihre Partnerin Iliadis. Es sind gestandene Frauen in ihren Vierzigern und Fünfzigern, die viel Erfahrung haben, aber noch einen langen Weg vor sich.

Auch hier schließt sich der Gedanke an den Kreis gleichgesinnter Damen wieder.

„Wir arbeiten vor Ort und plazieren unsere weiteren Schritte ganz gezielt, ähnlich einem Galeriedenken“, sagt Gembalies, denn trotz Exklusivität gibt es Wachstumspotential, zum Beispiel in nordischen Städten wie Amsterdam oder Metropolen wie New York. „Wichtig ist uns vor allem, an wen es gerichtet ist, wo es interessante Frauen gibt, die ähnliche Dinge wertschätzen. Schließlich geht es nicht darum, den reinen Bedarf zu decken, sondern Freude zu machen, unsere Mode leben zu lassen, offen für Begegnungen zu sein“, sagt Gembalies.

Ihre ganz privaten Erlebnisse in der letzten Zeit sprechen für sich: Richard Linklaters Film „Boyhood“, der den Jungen Mason Evans über zwölf Jahre begleitet, sein Aufwachsen und seinen Alltag zeigt, hat sie besonders berührt, ebenso wie Edouard Louis’ Roman „Das Ende von Eddy“, der von Louis’ Hintergrund in einer Unterschichtsfamilie in einer französischen Banlieue erzählt und davon, wie er der Beengtheit und der Homophobie seines Milieus entflieht. Vielleicht ist es gerade diese ungewöhnliche Konstellation, die Faszination für die Absurditäten des Normalen und ihre Nähe zu einem Kreis von Kunst, die Frauke Gembalies und ihre Kollektionen so interessant macht.


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