Reportage – Feuilleton | Kein Land, Vietnam

Erschienen: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

An manchen Frühlingstagen durchdringt die kühle Feuchtigkeit der Luft in Hanoi die Kleidung so sehr, dass man beinahe friert. Es ist ein unbestimmter Zustand, irgendwo zwischen warm und kalt, so wie in dieser Stadt und in diesem Land überhaupt alles in einem unbestimmten Zustand ist.

Als ich mein Geburtsland vor 25 Jahren verlassen habe, war es noch immer ein Nachkriegsland, und seitdem komme ich jedes Mal, wenn ich heimkomme, in ein anderes Land, sehe andere Straßen, andere Gebäude, ein anderes Denken bei den Menschen. Das Einzige, was bleibt, sind die stetige Veränderung und die fortwährende Skepsis.

In diesem Frühling erlebe ich eine solche Veränderung. Als ich durch die Straßen der Stadt fahre, sehe ich Alleen mit gefällten Bäumen. Das zerschlagene Holz mitten auf der Straße ist so rot und dunkel, dass es fast aussieht, als würden die Adern der Straßen ausbluten. Auf Nachfrage erzählt mir mein Onkel, dass die Stadt beschlossen hat, 6.700 der 29.600 Bäume zu fällen. Viele der Bäume seien alt und krank, und die unterschiedlichen Baumarten seien eine optisch unbefriedigende Wahl und sollen durch eine einheitliche Bepflanzung ausgetauscht werden, hieß es von offizieller Seite.

Aber da, wo gefällt wurde, sieht es eher nach Kahlschlag aus, und Politikern vertraut in diesem Land schon lange niemand mehr. Vo Nguyen Giap, der General, der in Dien Bien Phu gegen die Franzosen siegte, ist vor zwei Jahren gestorben, er war der Letzte, der noch Vertrauen in der Bevölkerung genoss, und auch er kritisierte zu Lebzeiten den Werteverfall im Land. Die Hanoier vermuten diesmal, dass wieder korrupte Politiker am Werk sind, die das wertvolle Tropenholz der jahrhundertealten Bäume illegal verkaufen oder Platz für Bauprojekte schaffen wollen, und sind so aufgebracht, dass sich über Facebook und in den Straßen Protest organisiert, etwas, das in dem sozialistischen Land selten passiert.

Ich frage meinen Onkel, ob das ein Zeichen dafür sein könnte, dass die Zivilgesellschaft sich stärker engagiert und sich in der Politik etwas ändert, doch er winkt ab. Gegen die Politiker sei nichts zu machen, die machten, was sie wollten, sagt er. Und die Menschen hier leben ohnehin schon seit Jahren an der Politik vorbei. Desinteresse ist es nicht, aber die Ohnmacht hat eine Handlungsapathie geschaffen, die nur selten aufbricht. Offiziell ist das Land ein sozialistischer Einparteienstaat, inoffiziell eine von Geld getriebene Anarchie.

Das Chaos, die Korruption, die Zensur der sozialistischen Regierung, die französische Kolonialherrschaft und tausend Jahre chinesischer Besatzung haben Spuren im politischen Verständnis und Verhalten der Menschen hinterlassen. Die Vietnamesen betreiben eine Vermeidungsstrategie gegenüber der Obrigkeit.

Das merkt man vor allem in Ho-Chi-Minh-Stadt, das jeder nach wie vor Saigon nennt. Hier scheinen die Machthaber so weit entfernt, dass es fast schon westlich wirkt. Dass es nicht ganz so ist, merkt man, sobald man hinaufschaut. An den Bäumen hängen in Vorbereitung auf die Jubiläumsfeierlichkeiten zum Kriegsende kitschige Lichtdekorationen mit der Nationalflagge von Vietnam und der Vietcong-Flagge, die von Kirschblüten und Friedenstauben umrahmt sind. Ob das nicht ein bisschen absurd sei, frage ich meinen Taxifahrer. Ohne es direkt auszusprechen, lässt er mich seine Verachtung spüren, während wir durch Straßen fahren, die dieselben Namen tragen wie oben im Norden, Namen von Nationalhelden und -heldinnen wie Tran Hung Dao, Le Loi oder Hai Ba Trung, die im heutigen Vietnam niemanden mehr interessieren.

Im Westen ist Vietnam lange schon kein Land mehr. Es ist zu einem Synonym geworden für falsche Kriegsführung und seine Bilder zu Metaphern von Leid. Es sind Bilder wie Malcolm Brownes brennender Mönch, Nick Uts Napalm-Mädchen, Eddie Adams’ Exekution eines Vietcong durch einen südvietnamesischen Polizisten und Ronald Haeberles Bilder des Massakers von My Lai, die mein Land über Jahrzehnte repräsentierten, und es waren diese Kameras, welche die moralische Überlegenheit der Großmacht Vereinigte Staaten zerschossen haben.

Wenn ich in Deutschland anfange, von Vietnam zu erzählen, dann erzählen mir die Eltern meiner Freunde vom politischen Aktivismus ihrer Jugend, der durch diese Bilder entzündet wurde und der in meiner Jugend in Reminiszenz daran zum antiamerikanischen Aktivismus gegen den Krieg in Afghanistan und im Irak wurde. Was sie nicht erzählen, ist, dass Vietnam danach nur noch als Schatten eines Krieges in ihren Hinterköpfen blieb.

Vor vierzig Jahren ist Vietnam mit dem Fall von Saigon und der Wiedervereinigung von Nord und Süd aus dem Sichtfeld des internationalen Interesses verschwunden. Als die amerikanischen Truppen abzogen, hinterließen sie ein Land, das komplett ausgebombt und mit Minen und dem Entlaubungsgift Agent Orange übersät war. Sie hinterließen ein Land, in dem westlicher Imperialismus einen Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd, zwischen neuen Machthabern und alter Bourgeoisie, zwischen Familien entfachte und in dessen Folge Andersdenkende weiterverfolgt wurden. Ein weiterer Krieg mit China im Jahr 1979, die durch Amerika bedingte Isolation von der Weltgemeinschaft und der Wegfall der sowjetischen Subventionen ließen es dann vollends ausbluten.

Erst mit der Einführung der „Doi Moi“-Reformen zur marktwirtschaftlichen Öffnung des Landes 1986 und der Aufhebung des amerikanischen Handelsembargos 1994 begann sich Vietnam zu entwickeln. Als ich das Land verließ, war der Krieg noch allgegenwärtig. Ich habe ihn, wie der Großteil der vietnamesischen Bevölkerung, nicht mehr erlebt. Aber in den neunziger Jahren fehlte es wie nach einem Krieg an allem, in den Städten und auf dem Land gab es noch minendurchzogene Gebiete, in den Erzählungen meiner Eltern tönten noch immer die Bomben ihrer Kindheit nach.

Auch wenn die Präsenz des Krieges immer mehr nachlässt, verschwunden ist er vierzig Jahre danach noch längst nicht. In den entstellten Körpern meiner Cousins, deren Vater in einem von Agent Orange verseuchten Gebiet diente, sehe ich ihn noch heute, und so geht es wohl jeder Familie in Vietnam. In den Straßen hängt noch immer die Propaganda einer Regierung, die niemand mehr hört, deren System nicht mehr funktioniert und die nur noch Verunsicherung schafft.

Mein Geburtsland hängt irgendwo zwischen gestern und morgen. In den Städten herrscht Chaos, der Kapitalismus hat derart Einzug gehalten in einem angeblichen Sozialismus, dass man vor lauter Reklame die Häuser nicht mehr sieht. Und so undurchsichtig wie die Städte, wie die Straßen voller Mopeds, ist auch die Entwicklung hier. Eine Revolution wird es hier nicht geben, denn die Regierung wird immer so weit einknicken, dass die Bevölkerung nicht aufbegehrt. Und obwohl auf den Posten der Politik noch die alten Generäle sitzen, existiert in den Köpfen der jungen Generation schon längst ein anderes Land.

Die junge Generation, das sind Menschen, die in relativem Wohlstand aufgewachsen sind, viele von ihnen sind im Ausland ausgebildet worden, einige von ihnen sind zurückgekehrte Auslandsvietnamesen. Sie sind es, die das Land viel mehr prägen als die alten Machthaber. Und wie sich Vietnam verändern wird, das ist eine Frage des Generationswechsels, der sich in den nächsten Jahren vollziehen wird.


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