Interview – Feuilleton | “Die Ostdeutschen sind einfach verschwunden”

Erschienen: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Der amerikanische Ethnologe John Borneman über alte Unterschiede zwischen Ost und West und die Wirkung neuer Mauern

Herr Borneman, Sie sind in den 1980er Jahren nach Berlin gekommen, um über die beiden Staaten, die in Deutschland entstanden sind zu forschen. Was hat sie als Ethnologe daran interessiert?

Als ich 1982 nach Deutschland kam gab es keine wirklich ethnografische Forschung zum Konzept der „Nation“ in Deutschland. Es gab allerdings zwei Staatskonzepte, und mich hat interessiert, wie sich die Menschen zu den politischen Differenzen verhielten, die nach dem zweiten Weltkrieg entstanden waren. In der Bundesrepublik Deutschland gab es ein Bild von zwei Staaten und einer Nation; in der Deutschen Demokratischen Republik gab es einen impliziten Narrativ von zwei Staaten und zwei Nationen. Ich hielt letztere Variante für akkurater: Was sich gerade in der BRD und DDR zeigte, war eine Konstruktion unterschiedlicher nationaler Gemeinschaften und getrennter Lebenswelten unter der Bedingung zweier verfeindeter Blöcke. Die beiden deutschen Staaten hatten unterschiedliche politische Ideologien, die unterschiedliche, kulturelle Konstruktionen geschaffen hatten.

Wie sahen diese Konstruktionen aus?

In den 1980ern war Deutschland fast vierzig Jahre nach Kriegsende immer noch in einem Nachkriegszustand. Dieser Nachkriegszustand wurde in die Teilung des Kalten Krieges absorbiert, einer andauernden Besatzung und einer ideologischen Projektion, die von außen kam. Die beiden deutschen Staaten hatten eine parallele Geschichte, aber unterschiedliche Rhetoriken und Praktiken. Es waren unterschiedliche Auffassungen von Familie, Freundschaft, Sexualität und so weiter entstanden. In den 1950er Jahren, zum Beispiel, hatte Westdeutschland versucht, seine Frauen am Herd zu behalten – Küche, Kinder, Kirche – während Frauen im Osten arbeiten mussten. Das hat sich in den 1970ern geändert. Die DDR hat ihre sozialistische Revolution abgeschlossen und blickte öffentlich auf eine glorreiche Vergangenheit zurück, die es zu konservieren galt. Dadurch aber konnte sie keine Zukunftsperspektive mehr für ihre Bürger bieten und verlor an Popularität und Legitimität. In der BRD war das genau umgekehrt. Auf die repressive politische Praxis im Osten hat der Westen nach 1968 umso progressiver reagiert, wie etwa mit der Abschaffung des Abtreibungsverbots und der Entstehung einer Vielfalt von Oppositionen. Die beiden deutschen Staaten haben sich in ihrer Entwicklung gegenseitig bedingt; sie haben versucht, sich die Macht des anderen anzueignen oder genau das Gegenteil zu machen. So sind die zwei Nationen in einen Prozess asymmetrischer Spiegelung gelangen.

Wie haben Sie diese gegensätzlichen Spiegelbilder als Außenstehender erlebt? Haben sich Mauerfall und Wiedervereinigung für Sie als Beobachter angedeutet?

Die Unterschiede waren unmittelbar jedesmal beim Grenzüberschreiten zu spüren: Der Geruch von Braunkohle im Osten, der Kommerzialismus des Westens, die unterschiedliche Straßenbeleuchtung, die freie Öffentlichkeit und der soziale Aktivismus im Westen. Die Menschen waren unterschiedlich und sind mir auch unterschiedlich begegnet. Freundschaften waren im Osten enger verwoben. Hatte man eine Person getroffen, führte das zu anderen Bekanntschaften. Man war neugierig. Im Westen gab es mehr Statusdifferenzierungen, und als Amerikaner und Repräsentant einer der Besatzungsmächte , musste ich mich da erst mal durchkämpfen. Den Mauerfall habe ich nicht kommen sehen, aber im Nachhinein machte natürlich alles Sinn. Man hat mir das prophezeit, das Ende. Es gab Ende der 1980er Jahre, eine öffentliche Präsenz von Dingen, die einfach nicht in das Bild der DDR, z.B. passten.Ich habe Formen von Freiheit, Andersartigkeit, alternative Szenen, und Unzufriedenheit, die ich auch wissenschaftlich beschrieben habe, jeden Tag gesehen. Die Demonstrationen und die Revolution waren vorhersehbar, aber ich habe sie nicht gesehen.

Sie sind unmittelbar nach dem Mauerfall nach Berlin zurückgekehrt – wie sah das Aufeinandertreffen von Ost und West aus?

Meine Freunde in Ostdeutschland wollten ein Ende der DDR, aber sie haben die Plötzlichkeit der Umwälzungen, die damit einherging, nicht erwartet. Im Osten hatten die Menschen gelernt zu begehren. Sie begehrten all diese westlichen Produkte. Der Westen war nicht fremd, sondern schon längst verinnerlicht worden, so wie es in vielen „Entwicklungsländern“ der Fall war und in viele Schwellenländer noch ist. Sie wollten den Westen und seine Produkte, weil er bereits Teil ihres Selbst geworden war. Das mußte letztendlich zu einer bitteren Enttäuschung führen, denn Begierde, Sehnsucht, und Verlangen lassen sich nicht wirklich befriedigen. Gleichzeitig wurde Ostdeutschland von der Bundesrepublik absorbiert und seine Geschichte quasi ausradiert, um ein einheitlicheres Narrativ zu schaffen. In den 1990ern war genau das ein Anliegen, während ostdeutsche Geschichte, ostdeutsches Bewusstsein, und manchmal die Ostdeutschen selber, einfach verschwunden sind. Die Logik des neuen Narrativs hat Ihre Geschichte einfach überschrieben. Eine Freundin ist nach Rosenheim gezogen und hat nie jemandem erzählt, dass sie aus der DDR stammt. Für sie gibt es kein Ostdeutschland. Sie wollte sich erfinden als freie Deutsche, ohne die Verpflichtung, sich selbst in Kategorien von Ost und West denken zu müssen.

Was geschah mit diesen Kategorien nach der Wiedervereinigung?

Die Mauern sind nicht eliminiert worden, sie haben sich nur verlagert. Die Einheit von Ost und West hat andere soziale und politische Grenzen innerhalb der Gesellschaft geschaffen. Statt die Codes von Gruppenzugehörigkeit abzuschaffen, wurden die Probleme für Ausländer und soziale Randgruppen verschärft. Während wirkliche Integration und Multitkulti möglicherweise gescheitert sind, haben sich die Mehrheit der Menschen daran gewöhnt, Heterogenität zu akzeptieren und ins nationale Bewusstsein aufzunehmen.

Wie äußert sich die Vergangenheit im heutigen Selbstverständnis der wiedervereinten Nation?

Die Frage nach dem Mauerfall, die viele beschäftigte, war: Wird das vereinte Deutschland seine Geschichte wiederholen? Deutschland war von seiner Nazi-Vergangenheit verfolgt. Die öffentliche Reflektion über die eigene Schuld ist auf diese Art einzigartig für ein Land auf dieser Welt. Doch diese Geister der Vergangenheit leben nicht ewig, denn es gibt eine Generationsdynamik, wie Gesellschaften ihre Geschichte stetig umdenken und umdeuten. Deutsche mit Migrationshintergrund haben nicht dasselbe Schuldempfinden, wie die, die in den 1950er Jahren in urdeutsche Familien hineingeboren wurden. Und Deutschland ist nicht mehr so homogen wie das mal selbstverständlich war. Die Kreuzberger Mischung in Berlin bestand früher aus alten Menschen, Achtundsechzigern und Türken. Heute ist das weit komplexer und vielschichtiger geworden.

Inwiefern trägt diese Heterogenität zum Deutschlandbild bei? Hilft sie, den Weg für eine Integration zu ebnen?

Ich glaube, dass man den Begriff „Integration“ überdenken muss. Die Erwartung, dass alle über die Idee von Deutschsein nachdenken müssen, wie etwa die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, ist keine schlechte Idee. Aber es ist unrealistisch eine Auflösung von der eigenen Geschichte zu erwarten. Es wäre vielleicht besser, Erwartungen so zu formulieren, daß sie politisch realistischer werden. Ein nationales Projekt bedeutet für mich Verantwortung für ein gemeinsames Schicksal, Zugang zu gleichen Lebensmöglichkeiten, eine gemeinsame Sprache und Fragen an die Geschichte; aber das muß noch lange keine Homogenität bedeuten. In Deutschland gibt es eher eine Koexistenz als eine Integration. In Berlin werden beispielsweise viele Spätkaufläden von Türken und Arabern betrieben, die selbst nicht trinken. Die Kunden aber sind Deutsche, die sich vor diesen Läden auf Bänke setzen und kräftig Bier trinken. Das ist eine andere Art von Integration, die zeigt, dass verschiedene Welten, die miteinander verbunden sind, existieren, aber nicht, daß sich eine homogen zur Anderen verhält.

Die Deutschen, das sah man etwa nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft, scheinen sich heute ihrer selbst viel bewusster zu sein. Wie sehr brauchen Menschen nationale Identität und wie sieht sie heute in Deutschland aus?

Ich glaube Sie meinen einfach nur, daß man heute weniger Hemmungen hat, dieses Selbstbewußtsein offen zu zeigen.

Viele Menschen identifizieren sich in ihrem Verhalten als deutsch ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie teilen einen gemeinsamen Lebenslauf durch Kindheit und Jugend, der national geprägt ist. Gleichzeitig sind Heterogenität und dessen Akzeptanz Teil des deutschen Selbstverständnisses. Diese neue Offenheit und die Repräsentation durch Menschen unterschiedlicher Herkunft gehört zu Deutschland, vielleicht manchmal auch als Überkompensierung von Exklusion in der Vergangenheit. Ich kann zu einer deutschen Post gehen und von einem türkischstämmigen Mitarbeiter bedient werden und sehe keinen Unterschied zu einem Deutsch-Deutschen. In Berlin ist ein preußisches Menu mittlerweile völlig einer Wahl aus italienisch, vietnamesisch und türkisch gewichen. Und die ie Berliner lieben diese Auswahl. Nicht, dass sie notwendigerweise die Ausländer lieben, aber sie nehmen die positiven Aspekte dieser Diversität an. Es gibt eine enorme, positive Dynamik, sich einer heterogenen Gesellschaft zu öffnen. Und Deutschland genießt zurzeit eine nie vorher gesehene Popularität in der Welt, nicht nur deutsche Produkte, sondern auch für die Menschen und die Gesellschaft. Dies ist wirklich erstaunlich und war in den 80ern und 90ern nicht so der Fall. Warum wird Deutschland so gemocht? Es liegt nicht nur daran, dass sie weniger imperialistisch auftreten als die Amerikaner oder weniger laut sind als die Grobritanien, sondern auch daran, dass Deutschland heute mächtig erscheint. Und Menschen identifizieren sich mit Macht. Nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell und politisch.

Wo liegen die Grenzen im Deutschland der Gegenwart?

Man darf niemals vergessen, daß Wohlstand nicht nur Lösungen bedeutet, sondern auch Probleme mit sich bringt, vor allem dann wenn er von der Idee einer Festung begleitet wird. War Wohlstand einmal ein Mittel der Integration, riskiert er heute zu einem Grund für Angst vor dem Anderen zu werden. Politiker schüren durch ihre Polemik die Angst vor einem Wohlstandsverlust. So ist das Einwanderungssystem für gut ausgebildete Fachkräfte zugänglich, die Deutschland nützen, nicht aber für Flüchtlinge die wirklich politisches Asyl bräuchten. Dieser Mangel an Großzügigkeit schafft neue Formen der Exklusion. Geografisch sind die Grenzen zu den Schengener Grenzen verlagert worden. Deutschland schiebt seine Verantwortung für die Flüchtlinge an Italien und Griechenland ab, was ungerecht ist. Die Opfer werden das nicht vergessen. Und das Festungsdenken ist gefährlich. Bis zum Mauerfall war Berlin ein geopolitisches Konfliktfeld, das internationale Auswirkungen auszustehen hatte. Heute liegt das Zentrum geopolitscher Konflikte im Nahen Osten – das heißt aber nicht, daß es keine Auswirkungen auf Europa hat. Der Islamische Staat hat französische und deutsche Einheiten, die nicht einmal Arabisch sprechen. Sie folgen dem IS und wenn sie zurückkommen bringen sie Hass und neuen Motivationen mit. Weil sie sich irgendwann zurückgewiesen fühlten vom deutschen Staat, weil sie dachten sie hätten respektiert werden müssen, wo sie es nicht wurden, weil das kapitalistische Projekt ihnen nicht genug war und sie etwas anderes suchten und sich einem fundamentalistichen Islam zuwendeten. Der Schlüssel, um diese neuen Mauern zu beseitigen, liegt darin, eine Umgebung zu schaffen, in der die Bürger bereit sind, Unterschiede zu akzeptieren, und das geht nur durch Chancengleichheit.

John Borneman ist Professor für Anthropologie an der Princeton University und Vorstand des Fachbeirats des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung.

 

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