Interview – Popkultur: M.I.A.

M.I.A., Sie sind polyglott und verweben alle möglichen Disziplinen und kulturellen Einflüsse in Ihrer Arbeit. Wie machen Sie all das zu einem Werk?

Das Interdisziplinäre war zu Beginn reine Notwendigkeit. Ich habe Kunst und Regie studiert und meine eigenen Videos gemacht, weil kein Geld da war. Und wenn man gezwungen ist, alles selbst zu machen, dann wird man eben gut darin. Ich bin als Asiatin in die amerikanische Musikindustrie gekommen, die streng in Schwarz und Weiß eingeteilt ist. Das wird zurzeit durch Präsident Trump gesamtgesellschaftlich noch schlimmer. Man muss sich auf eine der beiden Seiten schlagen. Aber ich wollte mein eigenes Ding machen. Da geht es nicht darum, woher man kommt oder welche Hautfarbe man hat, sondern darum, verschiedene Einflüsse zusammenzubringen.Sie sind als Tochter eines tamilischen Aktivisten vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka nach England geflohen und verarbeiten in Ihrer Arbeit unterschiedlichste musikalische Einflüsse.

Ja. Aber diese schwarz-weiße amerikanische Perspektive beherrscht die Welt noch immer. Es gibt fast 1,5 Milliarden Chinesen, fast so viele Inder und immer mehr Menschen gemischter Herkunft. Die Kulturen wachsen zusammen. Wenn ich morgens aufwache, höre ich ein mongolisches Lied, putze mir die Zähne mit einer deutschen Zahnbürste, mache ein spanisches Omelette und esse es mit einer russischen Gabel. Das ist die Realität. Und nicht die Spaltung, die durch rechtspopulistische Gruppen propagiert wird. Viele malen mit dicken Pinselstrichen. Das ist unfair gegenüber dem Rest der Welt. Arbeiten Sie nicht genauso plakativ? Schließlich verpacken Sie schwere politische Inhalte in leicht verdauliche Hüllen, die nach Popmusik klingen und zum Tanzen anregen.

Nein. Ich spreche über die Farbpalette mit ihren verschiedenen Nuancen, über die finanziellen, politischen, sozialen und religiösen Bedingungen, die unsere Welt bestimmen. Ich will zeigen, dass man zusammenwachsen und nebeneinander bestehen kann. Ich wollte einen Beat machen mit Elementen aus fünf verschiedenen Ländern, der sich gut anhört, und ihn in Clubs spielen mit Menschen aus aller Welt, die jeweils einen Bezug zu den verschiedenen Einflüssen haben, seien es japanische Trommeln, amerikanischer Dance Hall oder jamaikanische Rhythmen. Und ich bin sehr froh darüber, dass meine Arbeit so viel in sich trägt.Und der politische Inhalt?

Mittlerweile hat ja alles einen politischen Inhalt. Als ich anfing, war das kein Trend. Ich wollte über etwas reden, von dem die Leute noch nichts gehört hatten, den Kampf der Tamilen in Sri Lanka. Ich wollte, dass die Leute wissen, dass da ein Krieg tobt, weil ich dort gelebt habe und es beweisen konnte. Das Politische war meine eigene Sache, und ich habe meinem Label damals gesagt, dass ich mein eigenes Ding machen muss.Es war also eine persönliche Katharsis?

Ja. Ich bin in Sri Lanka guten und schlechten Leuten begegnet. Und als wir nach England geflohen waren, lernte ich Leute aus allen Kulturen kennen. Ich habe die besten Leute zusammengenommen, die mich inspiriert und mir geholfen haben, und sie zu einem Teil meiner Geschichte werden lassen. Das war auch meine Art, danke zu sagen. Manche nennen so etwas heute kritisch „kulturelle Aneignung”. Das mit der „cultural appropriation” hat jetzt erst diesen Schlag ins Negative bekommen. Aber das ist schon wieder nur die beschränkte amerikanische Sicht, die alles in Schwarz und Weiß trennt. Kulturelle Aneignung gibt es, weil weiße Amerikaner in einer Welt leben, in der sie alles andere ausgrenzen. Mit den vielen kulturellen Einflüssen teile ich etwas mit. Das ist für mich die Zukunft. Menschen müssen miteinander leben, ob sie es wollen oder nicht. Sie haben immer wieder von Rassismuserfahrungen als Flüchtlingskind in England erzählt. In der Musikbranche wird nun immer öfter über Diskriminierung gesprochen. Hat sich seit dem Beginn Ihrer Karriere etwas verändert?

Niemand will darüber reden, aber die Musikindustrie wird immer noch von denselben bestimmt: von Weißen. Die Musik spricht Themen wie Diskriminierung, Gewalt, Hass und Segregation an, weil sie vermarktbar sind. An den Strukturen hat sich nichts geändert. In der Führungsebene sitzen immer noch die gleichen Leute mit dem gleichen eingeschränkten Weltbild. Das ist in Ländern wie Singapur ganz anders. Da gibt es in der Bevölkerung Inder, Chinesen und Malaien, und die sind in den Schulen, in der Wirtschaft und in der Politik repräsentiert. Das ist cool.

Glauben Sie, dass es gerade einen Rückschritt in der westlichen Welt gibt? Wie ist Ihre Erfahrung als „braune Frau“, als die Sie sich selbst beschreiben?

Die Leute sind gerade ziemlich sauer auf mich. Weil ich nicht aggressiv genug gegen Diskriminierung und Sexismus bin. Natürlich habe ich das alles erlebt. Nur Privilegierte können mit dem Finger auf mich zeigen und mir vorwerfen, nicht genug zu tun, weil sie das Privileg hatten, in Ignoranz aufzuwachsen. Aber meine Arbeit ist positiv. Es muss darum gehen, Menschen zusammenzubringen. Um etwas zu verändern, muss man natürlich kampfbereit sein. Aber man muss auch erkennen, wann es zu weit geht. Das Denken ist zu extrem, wie bei den Tamilen in Sri Lanka. Einige haben zu den Waffen gegriffen und gekämpft. Etwa zu der Zeit bin ich Popstar geworden. Man hat mir gesagt, das interessiere niemanden. Es gebe Leute, die sterben, und ich solle gefälligst aufhören zu singen und stattdessen was Relevantes machen. Und jetzt, nach 15 Jahren, wo sind die jetzt? All die Kämpfer sind gestorben. Und ich bin die Einzige, die noch über Tamilen spricht.

Und wie geht es jetzt weiter mit Ihnen?

Jetzt muss ich noch mehr Stimmen in meine Arbeit bringen und zeigen, dass man einen kreativen Weg gehen kann. Wenn man so viel Brutalität erlebt hat, wie auch ich sie erfahren musste, fühlt man sich kaputt. Kreativität kann dann therapeutisch wirken. Ich wollte nicht Musikerin werden. Es ist einfach so passiert, und es hat geholfen. Jetzt kann ich es zurückgeben und anderen Leuten das Selbstbewusstsein vermitteln, dass sie einen kreativen Weg wagen. Es geht darum, benachteiligten Menschen zu zeigen, dass sie Dinge bewegen können. Flüchtlinge, die seit 20 Jahren in Camps leben, wissen, wie man Ressourcen nutzt, weil sie es mussten. Das könnte in der Zukunft wichtig werden. Sie können uns sagen, wie man mit wenigen Ressourcen lebt. Flüchtlinge werden gebraucht. Es geht darum, die Schwächen zu Stärken zu machen.

Sie wollen also in Zukunft die Stimmen Benachteiligter fördern?

Ja, weil in der westlichen Welt Industrien geschaffen wurden, die Fakes bestärken. Die bekommen so viel Macht, ohne dass sie irgendwas Substantielles gemacht hätten. Und jetzt reden diese reichen weißen Menschen über Leute, die wirklich in der Scheiße leben. Das ist das Falsche an Amerika. Die Menschen, die seit Jahren an der Macht sind, sprechen über Menschen, zu denen sie überhaupt keinen Bezug haben, und an den Machtverhältnissen ändert sich nichts. Wenn wir wirklich was verändern wollen, müssen wir mit diesen Menschen reden. Wenn man ein Flüchtling ist, muss man mit allen zurechtkommen. Man hat einfach nicht den Luxus, Hass gegen irgendwen zu hegen. Man muss sich gegenseitig helfen und sich aufeinander verlassen können, weil es lebensnotwendig ist. Und man muss eine positive Einstellung haben, weil man da sonst nicht rauskommt.

Das Flüchtlingsthema ist sehr beliebt. Gerade sind Sie für einen Auftritt auf der Modemesse Bread & Butter in Berlin, die von Zalando organisiert wird – einem jener Konzerne, die Sie so gerne angreifen. Ihnen wird oft vorgeworfen, widersprüchlich und nur aus Entertainment-Kalkül politisch zu sein.

Manche machen das zu einer Kontroverse. Vor zehn Jahren war ich kontrovers, weil die Leute noch nicht hören wollten, was ich zu sagen hatte. Jetzt bin ich kontrovers, weil ich nicht laut genug und angeblich zu gefällig geworden bin. Ich bin soft, auch weil ich Mutter eines Kindes bin, das drei unterschiedliche Ethnien in sich trägt. Soll ich meinem Sohn sagen, dass er einen Teil von sich hassen und den anderen lieben soll? Das hat doch keinen Sinn. Am Ende geht es um Versöhnung.

Sie haben angekündigt, dass Ihr fünftes Album AIM, das 2016 erschienen ist, das letzte sein soll. Wirklich?

Es ist das vorerst letzte, ja. Ich will ein Drehbuch für einen Film schreiben oder so etwas in der Art. Ich weiß nicht, was ich machen werde. Wir leben in so verwirrenden Zeiten, und ich werde meine Entscheidung nicht auf Grundlage der Trump-Regierung treffen.

M.I.A. alias Matangi „Maya“ Arulpragasam mischt aus vielen Traditionen Popmusik, ohne dabei lächerlich exotisierend zu wirken. Die Sängerin wurde in London geboren und zog im Alter von sechs Monaten mit ihrer Familie nach Sri Lanka, ins Heimatland der Eltern. Ihre Mutter zog später mit der zehnjährigen Maya und der weiteren Tochter wieder nach London, wo sie in einem Flüchtlingsheim unterkamen. Ihre politischen Inhalte haben die Zweiundvierzigjährige zu einer kontroversen Figur in der Musik gemacht. Nach 15 Jahren in der Szene hat sie nun – vorerst – ihren Rückzug angekündigt.