Artikel – Handwerk | Jedem Dorf ein anderes Muster

Erschienen: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Das Topmodel Liya Kebede war gerade als „United Nations Goodwill Ambassador“ in ihrer Heimatstadt Addis Abeba unterwegs, als sie feststellte, dass immer mehr traditionelle Baumwollweber ihre Arbeit verloren. Ursprünglich hatte Äthiopien eine starke heimische Textilproduktion. Sie deckte den Kleidungsbedarf der Bevölkerung und beschäftigte unzählige Weber. Über Jahrhunderte hatten die Menschen zuvor ihr Handwerk verfeinert. Ihr Markenzeichen: Aus der lokalen Rohbaumwolle fertigten sie Textilien mit geometrischen Webstrukturen, die oft mit farbenfrohen Stickereien abgerundet wurden. Aber durch den zunehmenden Import von billiger, moderner Kleidung aus China kauften immer weniger Äthiopier die Baumwolltuniken aus dem eigenen Land. In der Produktion waren sie teurer und aufwendiger, dazu galten sie als altbacken. Der Markt begann auszusterben – und mit ihm die alten Techniken.

So wie Computer und Mobiltelefone nach und nach in entlegene Ecken der Welt vordringen, so überschwemmen auch Mode-Billigwaren zuvor unerschlossene Regionen und verdrängen heimische Erzeugnisse, die einst den Eigenbedarf deckten. Auch das ist Globalisierung. Wenn es keine Perspektiven mehr gibt, ziehen die Jungen weiter, statt das alte Handwerk zu ergreifen. Die Betriebe werden verlassen, und mit ihnen geht ein Stück Kulturgut verloren.

Liya Kebede wollte etwas tun, um dieser Entwicklung in ihrem Heimatland entgegenzuwirken und den äthiopischen Baumwollwebern eine wirtschaftliche Perspektive zu geben. 2007 gründete sie in Äthiopien Lemlem, eine Marke, die traditionelle Handwerkskunst in zeitgenössische Designs bringt und in kleinen Auflagen ins Ausland exportiert.

Ausgerechnet die zuvor so destruktive globale Vernetzung bietet so wieder eine Chance. Sie weckt in anderen Teilen der Welt Interesse für fremde Kulturen, und bei traditionellen Textilien könnte sie dabei helfen, Altes wiederzubeleben. Die aktuelle Schnelllebigkeit der Mode erweckt bei immer mehr Menschen Sehnsucht nach nachhaltigen Produkten mit Eigenständigkeitswert, um sich damit von der Masse zu unterscheiden. Das könnte Handwerksproduktionen wie Kebedes Modell Aufwind geben. Zumindest sind in den vergangenen Jahren immer mehr – vor allem internationale – Modeunternehmen entstanden, die sich auf Handwerkserzeugnisse spezialisieren. Sie reproduzieren nicht einfach Folklore, sondern bringen traditionelle Techniken in eine zeitgemäße Form – auch mit dem Hintergedanken, lokale Techniken zu erhalten und ländlichen Gemeinschaften zu helfen.

Dennoch, an erster Stelle muss das Produkt stehen. Wenn es nicht begehrenswert ist, wird es auch niemand kaufen. Das weiß auch Kebede. „Ich habe mich am Anfang vor allem auf Qualität und Design konzentriert, weil ich wollte, dass die Menschen sich erst für das Produkt begeistern und dann mit der Geschichte des Kleidungsstücks eine Art Belohnung bekommen“, sagt Kebede. Ihre Marke beschäftigt mittlerweile einige hundert Weber in einer kleinen Werkstatt in Addis Abeba, die damit den Lebensunterhalt für ihre Familien bestreiten und eine Tradition aufrechterhalten. Mittlerweile hängen die handgewebten Stücke aus Äthiopien in Kaufhäusern wie „Le Bon Marché“ in Paris oder „Harrods“ in London. Die Preise: zwischen 100 und 300 Euro pro Teil. Nicht weniger, aber auch nicht mehr – und somit oft günstiger, als es das Luxussortiment in diesen Häusern eigentlich ist. „Ich hoffe, dass wir durch unsere Geschichte auch andere Modemarken dazu ermutigen, sich mögliche Produktionsmöglichkeiten in Afrika anzuschauen“, sagt Kebede.

 

Addis Abeba, zu kaufen in Paris: Liya Kebede ist Model, „United Nations Goodwill Ambassador“ und Gründerin von Lemlem.

Spezialisierte Nachfragen auf dem afrikanischen Kontinent gibt es tatsächlich vereinzelt: Das französische Luxushaus Hermès lässt den Saum seiner Seidencarrés zwar traditionell in Madagaskar rollen, aber auch die Webprodukte aus Uruguay wissen immer mehr Häuser zu schätzen. Große Marken wie Chanel, Marc Jacobs oder Donna Karan lassen dort einzelne Teile über die Organisation Manos Del Uruguay anfertigen. Eine professionelle, zusammenhängende Kollektion, die in Uruguay gesponnen, gefärbt und gewoben wird, ist aber erst Gesine Holschuh mit Wehve gelungen.

Vor fünf Jahren wirkte die ehemalige Unternehmensberaterin bei einem Pro-Bono-Projekt mit. Als sie sah, dass eine gemeinnützige Organisation Arbeitsplätze für 1,5 Millionen Frauen in Indien, Afrika und Südostasien schaffen kann, war für sie klar, dass sie irgendwann ein Sozialunternehmen aufbauen würde. Den Gegenstand ihres Unternehmens entdeckte sie dann vor ein paar Jahren zufällig auf einer Uruguay-Reise: Ruanas, traditionelle, gewebte Wolldecken, die sich Gauchos um die Schulter werfen.

Uruguay war in den achtziger Jahren ein großer Textilproduzent. Aber seit China in den Markt eingestiegen ist, geht es mit der Textilindustrie bergab; Spinnereien und Webereien wurden geschlossen. Heute wird lediglich die ungereinigte Wolle exportiert und anderswo verarbeitet. Wo es früher eine ganze Textilindustrie mit einer langen Wertschöpfungskette gab, ist heute nur noch eine Handvoll kleiner Kollektive übriggeblieben. Sie spinnen und weben auf traditionelle Art, auch Holschuh musste lange nach ihnen suchen, im ganzen Land. „Eine Technik wie die Wollweberei hier ist einzigartig, das können nicht mal Wollfabriken in Italien. Aber die Arbeit ist eine große Herausforderung, weil die Produzenten in entlegenen Dörfern im ganzen Land verteilt sind, weil es kaum Infrastruktur gibt und die Standards an der Verarbeitung und am Design ganz andere sind als in Europa“, sagt sie.

So dauerte es auch über ein Jahr, bis die Kleidungsstücke in Verarbeitung und Form für den europäischen Markt geeignet waren, erzählt Holschuh. Auch heute, ein Jahr später, entstehe manchmal am Ende ein Produkt, das so ursprünglich gar nicht angedacht gewesen sei. Trotzdem, auf diese Weise, mit Projekten wie Wehve, findet ein Wissenstransfer statt. Beide Seiten lernen voneinander. „Die Frauen, die hier arbeiten, sind in der Regel zwischen vierzig und fünfzig. Jetzt entsteht international Aufmerksamkeit für das Handwerk, das finden auch ihre Töchter interessant.“ Das ist nötig, denn ohne die Begeisterung der jüngeren Generation würde das Handwerk eben doch irgendwann aussterben.

So wie es in Europa längst passiert ist. Stichwort: Indigo. Kiat Yen war als Jeans-Designer in Amsterdam tätig, als er mit seinem Bekannten Peterjan van der Vliet durch den Nordwesten Thailands und Laos reiste. Dort in den Dörfern arbeiteten die Bewohner noch mit dem natürlichen Indigo-Färbeverfahren. „Auch wenn es überall Jeans gibt, ist natürliches Indigo in Europa so gut wie verschwunden, deshalb war diese Entdeckung für mich spannend“, sagt Yen über die ursprüngliche Denim-Farbe. In der industriellen Herstellung wird mittlerweile fast ausschließlich der synthetische Farbstoff verwendet, da die Gewinnung aus der Indigopflanze mit einem aufwendigen Verarbeitungsprozess einhergeht, der die Fermentierung, die Trocknung und das Pressen der Blätter beinhaltet und dementsprechend langwierig ist.

In Nordthailand und Laos wird der Farbstoff anschließend abschnittweise in Seiden- und Baumwollfasern eingefärbt. Durch die Ikat-Webtechnik und die vorherige streckenweise Färbung entstehen am Ende geometrische Muster auf den Textilien. So wie auf den Schals von Kiat Yen und nun von seinem Geschäftspartner Peterjan van der Vliet. Der Name ihrer Marke: Indigo People. Dass die Denim-Experten für ihre kleine Marke keine Jeans produzieren, hat einen einfachen Grund: Sie arbeiten mit der traditionellen Baumwoll- und Seidenweberei aus Laos und Nordthailand. Jeans kommen nicht von dort. Über die Jeans fanden sie lediglich ihre Liebe zum Indigo.

Es geht neben Gefahren wie der Billigmode in diesen Regionen aber auch um die fehlenden staatlichen Förderungen. In Thailand gibt es zwar ein staatliches Markenzeichen für traditionelles Handwerk, und wer die komplizierte Zertifizierungsprozedur durchläuft, bekommt Aufträge. Aber für alle, die das Siegel nicht haben, bleibt es ein Kampf um das Nötigste. So wie in Laos, wo es diese Art von Förderung gar nicht gibt. „Die Menschen brauchen eine wirtschaftliche Perspektive“, sagt der Designer Kiat Yen aus Amsterdam. „Deswegen wollen wir in die Dörfer gehen, die noch keine Unterstützung bekommen, um zu helfen, die dortigen Techniken zu erhalten und den Lebensstandard der Menschen zu verbessern. Die größte Notwendigkeit ist eine ökonomische Grundlage. Wenn die gegeben ist, lernen die Menschen hier vielleicht irgendwann auch die Schönheit und den Wert ihres eigenen Handwerks zu schätzen.“ Über eine thailändische Nichtregierungsorganisation, die eigentlich Englischunterricht vermittelt, und über eine laotische Webereischule lässt Indigo People die Schals in verschiedenen Dörfern produzieren. Warm genug für den deutschen Winter sind sie jedenfalls.

Traditionell gewebte Textilien und ein Taschendesign, das den europäischen Geschmack trifft, diese Vorstellung hatte auch Danica Ratte. „Ich bin nach meinem Studium durch die Dörfer der ethnischen Minderheiten um Sapa im Norden Vietnams gereist, wo jeder Stamm seine eigenen Webtechniken hatte. Jedes Dorf hat ein eigenes Muster und eigene Farben, die mit Bedeutungen verbunden sind. Die Familien haben mir von ihren Techniken und Stoffmustern erzählt.“ Ratte wollte zurück. Sie zog kurz darauf nach Ho-Chi-Minh-Stadt, reflektierte über ihre Reise, heuerte eine Dolmetscherin an und machte sich auf nach Norden, um Kunsthandwerker für ihr Unterfangen namens Wild Tussah zu suchen. Für die Kundinnen sind ihre Stücke mehr als nur etwas zum Anziehen, sie sind Konversationsobjekte mit einer ganz eigenen Geschichte. Zugleich werden sich die Weber aber über das Interesse auch besser bewusst, auf welchen Schätzen sie sitzen. „Manchmal braucht es jemanden von außen, um einem die Augen für die Schönheit zu öffnen, von der man die ganze Zeit umgeben ist“, sagt sie. Auch das ist Globalisierung: Wenn globale Impulse helfen, lokales Kulturgut zu erhalten.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.