Alles ist erlaubt, solange es fantastisch ist

Nichts an der gutbürgerlichen Villa im Herzen von Turin deutet auf das hin, was sich in ihrem Inneren eröffnet. Hinter der klassizistischen Fassade hatte sich der Architekt und Universalgestalter Carlo Mollino über Jahre ein Lebenswerk aufgebaut, ein Geheimnis, das seine Anhänger bis heute zu entschlüsseln versuchen.

Schon der erste Blick zeigt den außergewöhnlichen Charakter der Gemächer: Ein Flur mit floralen Fliesen und einem Murano-Blumenlüster von Paolo Venini führt vorbei an schweren Samtvorhängen und filigranen Shoji-Wänden zu einer Flucht von Räumen mit Blick auf das Ufer des Po und die Berge. Im zentralen Salon liegt ein Ze­brafell, dessen Streifen wie sanfte Wellen zum Balkon Richtung Fluss zeigen, umrahmt von zwei großen Muschelschalen; daneben ein Thonet-Schaukelstuhl und eine Le-Corbusier-Liege. Zur Linken ist das Wohnzimmer mit der Bibliothek, dem großen Ledersofa und pinkfarbenen Satinsesseln, zur Rechten das Esszimmer mit Tulip-Stühlen von Eero Saarinen vor Wänden, mit einem Wald-Kupferstich tapeziert und großen Spiegeln behängt, die die großzügigen Räume reflektieren und noch weitläufiger erscheinen lassen.

Aber all das ist eigentlich nebensächlich. Der Hausherr hatte in seiner schönen Wohnung nicht eine Nacht verbracht. Lange war der Ort geheim, nicht mal die engsten Freunde wussten von seiner Existenz. Erst nachdem Mollino 1973 unerwartet an einem Herzinfarkt starb und weder Erben noch Testament hinterließ, wurde die Wohnung im ersten Obergeschoss der Via Napione 2 entdeckt und mit ihr Tausende Polaroidaufnahmen von Frauen in lasziven Posen. Man nahm an, sie sei ein Rückzugsort gewesen, an dem er sich vergnügt hatte, und vergaß sie wieder. Durch einen glücklichen Zufall hörte schließlich der Kunsthändler Fulvio Ferrari in den achtziger Jahren davon, machte sich auf die Suche, fand die Wohnung, die mittlerweile zu einem Ingenieurbüro geworden war. Ferrari freundete sich mit dem Ingenieur an, der sie ihm später verkaufte. Das war 1999. Von der ursprünglichen Einrichtung waren nur noch die verblassten Spiegel, Tapeten und die großen Lampions aus Japanpapier geblieben.

Muschel und Zebra: In den Zimmerfluchten treffen Design-Klassiker wie die Le-Corbusier-Liege auf Tierisches.

Ferrari fand einen Original-Grundriss mit dem gesamten Inventar und alte Fotos. Er fing an, die Wohnung nach dem Plan zu rekonstruieren, kaufte Möbel von Freunden Mollinos und auf Auktionen. Bis heute kommen immer wieder neue Details hinzu; erst im vergangenen Jahr wurde ein Gemälde in die Wohnung zurückgebracht, das die einstige Verlobte Mollinos zeigen soll, seine wohl einzige ernsthafte Beziehung, war er doch bis zuletzt Junggeselle.

Feuer, Wasser und Luft

Im Zuge der Rekonstruktionsarbeiten stellte Ferrari fest, dass das Refugium für Carlo Mollino alles andere als ein kurzweiliges Vergnügen war. Es war das Lebenswerk des 1905 geborenen Gestalters, ein Raum für das Leben, nur eben nicht für dieses Leben. „Das ist Carlo Mollinos Pyramide. Sie mögen es nicht auf den ersten Blick sehen, aber die Symbole sind überall. Bei Mollino geht es nicht um das, was Sie sehen, sondern die Bedeutung dahinter. Diese Wohnung hier ist sein ägyptisches Totenbuch, ein Raum für die Ewigkeit“, sagt Fulvio Ferrari, der mit seinem Sohn Napoleone Ferrari die Casa Mollino mittlerweile als Privatmuseum leitet.

Überall, erzählen sie, deuten Zeichen auf das Jenseits. Das ist nicht nur die Überzeugung der Ferraris. Silvio Curto, der Ägyptologe am Turiner Museo Egizio war, das immerhin die zweitgrößte ägyptische Sammlung der Welt beherbergt, hat die Symbole gedeutet. Da sind die pinkfarbenen Sessel aus Mollinos Elternhaus, das er zeitlebens bewohnt hat, die Memorabilien in der Vitrine und seine Entwürfe. Da sind die ägyptischen Symbole der Lebenselemente Feuer, Wasser und Luft in Form der Muscheln und Lampen, die wiederkehrende Zahl Acht als Zeichen der Ewigkeit und sogar eine Barke auf blauem Teppich, die in der ägyptischen Mythologie die Toten ins Jenseits bringt. Und da ist Mollinos Buch über Fotografiegeschichte „Il Messaggio dalla Camera Oscura“ von 1949, das voller ägyptischer Abbildungen ist und eine ganz wörtliche Botschaft aus der Dunkelkammer sein soll – Carlo Mollinos moderne Pyramide eben.

 Okkulte Symbolismen: Die Proportionen,  die Hängung der Bilder, die Erinnerungsstücke – alles lässt sich deuten.

Es mag kein Zufall sein, dass sich ausgerechnet ein Sohn Turins für das Mystische und das Okkulte begeistert, gilt es doch als Stadt, in der sich das Dreieck der schwarzen und der weißen Magie treffen. „In Turin machen die Händler des Übernatürlichen mehr Umsatz als der Fiat-Konzern“, schrieb die Schriftstellerin Camilla Cederna, wohlgemerkt zu Hochzeiten des Autokonzerns.

Mollinos Möbelentwürfe werden heute für Millionenbeträge versteigert

So geheimnisvoll wie die Stadt, in der er wirkte, bleiben Leben und Werk Carlo Mollinos. Zwar wurde der Sohn eines bekannten Ingenieurs in den zwanziger Jahren am Turiner Polytechnikum als Architekt ausgebildet und lehrte dort später auch, besser lässt er sich aber als moderner Universalschaffender beschreiben, der auch Autor, Erfinder, Fotograf und Sportler war, um den sich bis heute viele Mythen ranken. Vielleicht zeigt sein Werk, was entstehen kann, wenn man nicht für Geld arbeiten muss, erlaubte das Vermögen seines Vaters es ihm doch, sich frei von finanziellem Drängen zu beschäftigen.

Hüter der Casa Mollino: Fulvio Ferrari und sein Sohn Napoleone

Nur ein Dutzend seiner architektonischen Entwürfe wurde realisiert, darunter das Turiner Teatro Regio und die Slittovia, eine Rodelbahn in den angrenzenden Alpen, die noch heute zu sehen sind. Das mag einer der Gründe sein, warum Mollino bisher nicht zum Kanon der modernen Architekten gezählt wird, obwohl er als Begründer der organischen und der surrealistischen Architektur gilt, seine Möbelentwürfe heute für Millionenbeträge versteigert werden und seine erhaltenen Bauten als Forschungsgrundlage dienen. Ein anderer Grund mag sein, dass sich die Entwürfe Mollinos im Gegensatz zu denen von Eames oder Mies van der Rohe nicht so leicht reproduzieren lassen. Mollino galt als Perfektionist, der schon in drei Dimensionen dachte, bevor es technisch möglich war. Er hat, etwa für seine Stühle, arabeske Formen ersonnen, die nur in aufwendiger Handarbeit zu realisieren waren. Um sie zu schützen, soll er die besten Werkstätten der Stadt angewiesen haben, die Stühle nur sonntags zu produzieren, damit niemand sie vorab zu Gesicht bekam. Zudem entwickelte er für seine Entwürfe neue Verfahren wie etwa die Kaltformung von Holz, die er patentieren ließ.

Hang zu biomorphen Kurven, die dem weiblichen Körper gleichen

Die perfekte Kurve hat er nicht nur in seinen Entwürfen gesucht, zu denen auch Rennwagen und Flugzeuge gehörten, sondern als begnadeter Rennfahrer, Kunstflieger und Skifahrer auch auf der Rennbahn und in den Bergen. Darüber hinaus war Carlo Mollino Autor mehrerer Bücher, und fotografiert hat er auch. Die Nacktaufnahmen, die man nach seinem Tod fand, wurden oft als Sexbesessenheit (und er als Dandy) gedeutet. Posthum haben sich ehemalige Modelle allerdings oft erstaunt über sein Desinteresse am Akt geäußert. Bis heute ist seine Sexualität, ebenso wie seine religiösen und politischen Einstellungen, ungeklärt. Vielmehr zeigen auch die Fotos nur eine Obsession für Formen und Proportionen, hat Mollino doch jedes einzelne Foto ebenso akribisch komponiert wie seine Entwürfe und seine geheime Pyramide. Betrachtet man seine Möbel im Kontext seines Gesamtwerks, so zeigen sie sich schließlich als Symbiose der verschiedenen Disziplinen. Die biomorphen Kurven gleichen oft dem weiblichen Körper, der für Mollino wohl eher ästhetische denn erotische Obsession war.

Er selbst ist jedenfalls zu einer Obsession für seine Anhänger geworden. Schon 2011 hat Kurator Chris Dercon ihm seine letzte Ausstellung im Haus der Kunst in München gewidmet. Auch der Designer Riccardo Tisci hat ihm mit einer Kollektion bei Givenchy eine Hommage gesetzt. So wird Mollino nach und nach eine größere Öffentlichkeit zuteil. Sein Erbe aber führen Fulvio und Napoleone Ferrari in seiner einst geheimen Wohnung fort, die heute als Museum wohl belebter ist, als sie es zu seinen Lebzeiten je war.

Mehr zum Thema Dass die beiden aus echter Leidenschaft ohne kommerzielle Hintergedanken handeln, haben auch schon Möbelunternehmen zu spüren bekommen, die sich nach Kollaborationen erkundigen. Denn das Interesse von Vater und Sohn Ferrari an der Casa Mollino gilt der Botschaft, nicht den Objekten. Noch nach mehr als zwanzig Jahren alltäglicher Auseinandersetzung mit seinem Werk entdecken Fulvio und Napoleone Ferrari immer wieder neue Botschaften, wie zuletzt den Goldenen Schnitt in der Hängung der Kunstwerke im Esszimmer. „Carlo Mollino hat nicht nur vollendete Objekte entworfen. Er war zweifelsohne das Universalgenie der Moderne, der universal gedacht hat. Es gibt noch so viel, das wir von ihm entdecken müssen“, sagt Fulvio Ferrari.

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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