Die geraubte Braut

Von ihrem Gartentor kann die junge Frau nach China schauen. Hier in Lung Cu, im nördlichsten Zipfel Vietnams, sind es von der Hauptstraße nur einige Schritte bis zur Grenze. Ein Schild, ein kniehoher Drahtzaun, mehr deutet nicht darauf hin, dass zwischen den Zedern ein anderes Land beginnt – ein Land, mit dem die junge Frau die schwerste Zeit ihres Lebens verbindet. Aber meistens denkt sie darüber gar nicht nach. Es gibt zu viel zu tun im Hier und Jetzt. Und so erzählt die Frau zwar bereitwillig, aber wie beiläufig ihre Geschichte, als sei sie gar nichts Erstaunliches.

28 Jahre ist die Frau, doch ihre Hände und ihr sonnengegerbtes Gesicht lassen sie älter aussehen. Ihr ganzes Leben hat sie in diesen Bergen verbracht, und dieses Leben war schon immer hart. Trotz der malerischen Landschaft verirren sich nur selten Touristen hierher, zu weit und beschwerlich ist der Weg aus den großen Städten. Die Menschen, die hier leben, haben vom wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre wenig mitbekommen. Viele von ihnen sprechen kein Vietnamesisch, sondern eine der vielen Sprachen, die man hier in den Bergen spricht. Die junge Frau, die lieber anonym bleiben will, gehört zur kleinen Minderheit der Lo Lo. Wie die meisten hier, kann sie nur schlecht lesen und schreiben. Sie lebt von dem, was die Natur im bergigen Norden ihr gibt, vom Gemüseanbau und von der Viehzucht.

Vom Gartenzaun führt sie uns an der Scheune mit Schweinen und Hühnern vorbei ins Wohnzimmer. Sie setzt sich auf einen Baumstamm vors offene Feuer, wo es warm ist. Sie ist umringt von ihrer Familie, der Schwiegermutter, den vier Kindern. Hinter ihr steht eine staubige Vitrine mit einem alten Radio und einem Röhrenfernseher. Es könnten die achtziger Jahre sein.

Die zierliche Frau sucht nach den richtigen Worten in der fremden Landessprache, als sie erzählt. Immer wieder schaut sie dabei verlegen ins Feuer.

Im vergangenen Winter war es. Sie war gerade allein mit ihrem Baby im Wald vor dem Haus Holz sammeln. Da tauchten plötzlich drei Männer auf, hielten ihr ein Messer an den Hals und zwangen sie zu Fuß über die Grenze. In einem Auto verbanden sie ihr die Augen, sperrten sie schließlich in ein verlassenes Haus. Dann begann die Brautschau: Alle paar Tage ein anderes Haus, ein anderer fremder Mann. „Aber mit meinem Baby wollte mich niemand“, sagt sie nüchtern. „Das hat mich gerettet.“

Sie rannte barfuß davon

Im letzten Haus, das sie in China betrat, war die Tür locker. Als sich ihre Entführer entfernten, nahm sie ihr Kind und rannte barfuß davon. Passanten auf der Straße verständigten die Polizei, die sie zurück nach Vietnam brachte. Zwei Monate war sie fort und hatte damit mehr Glück als die meisten Frauen, die dem illegalen chinesischen Brauthandel zum Opfer fallen, der in den vergangenen Jahren zu einem immer größeren Geschäft geworden ist.

Auf der anderen Seite der Grenze fehlen Frauen. Auch wenn die Ein-Kind-Politik seit fünf Jahren Vergangenheit ist, wünschen sich viele chinesische Eltern immer noch Söhne, Stammhalter, die den Familiennamen weitertragen, und treiben Mädchen ab. Schätzungsweise 30 bis 40 Millionen mehr Männer leben im Land, und das Gefälle wächst weiter. Gerade in armen, ländlichen Gegenden finden sie oft keine Partnerin mehr. Vietnam, Kambodscha, Laos, Burma und Thailand sind in den letzten Jahren zu Brennpunkten des Frauenraubs geworden. Mit dem chinesischen Seidenstraßenprojekt weitet er sich sogar bis nach Pakistan aus. In all diesen Ländern trifft es wie so oft die Ärmsten. In Vietnam sind es Minderheiten oder Bauernkinder, in Pakistan die ärmere christliche Minderheit, in Burma Frauen aus den krisengeschüttelten Regionen des Nordens.

Meist kennen die Frauen ihre Entführer

„Die junge Frau hatte Glück, dass sie noch in Grenznähe war“, sagt Vang Thi Cau. Als Vizedirektorin der lokalen Frauenunion kümmert sich die Sozialarbeiterin auch um Überlebende von Entführungen. Jede Woche hört sie von einer Verschwundenen, die jüngste war gerade mal dreizehn, die älteste über vierzig. Alle paar Wochen schaffen es aber auch Frauen wieder zurück, so wie die junge Frau aus Lung Cu. In der lokalen Handwerkskooperative „Lanh Trang“, die Vang betreut, ist fast die Hälfte der 90 Mitarbeiterinnen Zwangsehen aus China entflohen, im gesamten Distrikt waren es allein im vergangenen Jahr 95.

Manche von ihnen werden einfach in Grenznähe überfallen, im Wald, an einer Bushaltestelle oder im Gedränge eines Marktes. Meistens aber sind die Entführer Bekannte; ein Freund, der sich über Monate Vertrauen erschleicht und bei einem vermeintlichen Ausflug mit dem Moped plötzlich über die Grenze fährt, ein Verwandter, der Arbeit in China verspricht und stattdessen Geld von einem chinesischen Menschenhändler kassiert. Die eigentlichen Verkäufer verdienen dann zwischen 3000 und 20.000 Dollar pro Frau. Eine lukratives Geschäft.

Manche treffen in China auf eine wohlwollende Familie, die sie gut behandelt. Viele aber erzählen, dass sie wie Sklaven gehalten wurden, Sklaven für Sex und Hausarbeit. Sie erzählen von ihrer Ohnmacht, weil sie weder die Sprache sprechen noch Papiere hatten. Viele entkommen erst nach Jahren, wenn sie mehr Freigang bekommen, nachdem sie schon ein Kind zur Welt gebracht haben. Manche werden nie wieder gesehen.

Heimkehrerin muss im Kuhstall leben

Selbst wenn das Schlimmste überstanden ist, ist es nicht leicht für die Frauen, den Weg ins alte Leben zurückzufinden. Nicht alle Familien warten so sehnsüchtig auf ihre verschwundenen Angehörigen wie die der jungen Frau aus Lung Cu. Ihr Mann hatte sogar einen Kredit von ein paar hundert Euro aufgenommen, um Sucher zu bezahlen. Andere trifft es schwerer. Eine Nachbarin, die zur selben Zeit mit einem chinesischen Kind zurückgekommen ist, war vier Jahre fort. Ihr Mann heiratete wieder, ihre Kinder vergaßen sie. Sie lebt nun im Kuhstall der Familie und, so erzählen sich die Menschen im Dorf, sei verrückt geworden.

„Viele Frauen, die zuvor schon in zerrütteten Familien gelebt haben, und in China misshandelt wurden, sind danach völlig traumatisiert“, sagt Le Xuan Dong, Projektkoordinator bei der NGO Hagar International in Hanoi, die sich um die Wiedereingliederung entführter Frauen kümmert. Es gibt aber auch hoffnungsvolle Geschichten. Eine Frau, die gleich von mehreren Mitgliedern ihrer chinesischen Familie schwer sexuell misshandelt wurde, machte nach ihrer Rückkehr das Abitur und studiert. Sie ist jetzt Sozialarbeiterin und kümmert sich um Opfer des Menschenhandels.

Entführt, um Kinder auf die Welt zu bringen

Wie viele Frauen nach China entführt werden, kann niemand genau sagen, aber der Brautraub der Moderne scheint sich auszubreiten. Eine Studie der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health schätzt, dass zwischen 2013 und 2017 etwa 21.000 Mädchen und Frauen aus Burma gehandelt wurden, die vietnamesische Polizei geht von über 3000 Opfern für denselben Zeitraum in Vietnam aus. Die chinesische Polizei hat im vergangenen Jahr über 600 Frauen aus Pakistan zurück in ihr Heimatland gebracht, nur einige Monate zuvor über tausend Frauen aus den südostasiatischen Nachbarländern.

Es gibt aber viele Fälle, die nie gemeldet werden. „Wir haben in den vergangenen Jahren jedenfalls eine steigende Tendenz zurückkehrender Überlebender gesehen. Wir gehen von einer sehr viel höheren Dunkelziffer von Entführten aus“, sagt Michael Brosowski, Gründer der Blue Dragon Children’s Foundation in Hanoi. Viele Rückkehrerinnen haben Angst, dass sie wieder entführt werden, was tatsächlich in einigen Fällen schon passiert ist. Andere werden von der Familie verstoßen.

Seit Ausbruch der Pandemie sei die Rücküberführung schwerer geworden sagt Brosowski. Viele Frauen säßen noch in China fest, während die Entführungen an den durchlässigen Grenzen weitergehen. „Wenn die chinesische Polizei wollte, könnte sie viel machen. Aber es ist eine Frage der Priorität“, sagt Brosowski. Er erzählt, dass der Frauenhandel in China sich über die Jahre verändert habe. Lange seien entführte Frauen vor allem als Zwangsprostituierte in Bordelle an der Grenze gebracht worden, seit den 2000er Jahren seien dann immer mehr als Bräute ins Landesinnere verkauft worden. „Jetzt gibt es Frauen, die nur noch entführt werden, um Kinder auf die Welt zu bringen.“ Den Männern gehe es vor allem um die Nachkommen, erklärt Le Xuan Dong von Hagar International. Die Tendenz, Frauen nur noch für ihre Gebärmutter zu missbrauchen, um Nachkommen zu zeugen, wächst.

„Ich mache mir Sorgen um meine Töchter“

Dafür, so hofft die Frau aus Lung Cu, wird sie bald zu alt sein. Nach China blickt sie immer noch jeden Tag. Um wegzuziehen, mangelt es am Geld. Sie muss sich um die Kinder kümmern und mit ihrem Mann auf dem Bau arbeiten, um den Kredit für die Sucher zurückzuzahlen. Allein geht sie nicht mehr in den Wald, aber um sich selbst hat sie gar nicht so viel Angst. „Ich mache mir nur Sorgen um meine Töchter. Was machen wir, wenn sie alt genug sind?“, fragt sie und ringt ihre Hände. „Wir können sie ja nicht jeden Tag bewachen.“

Ihre Heimat ist lange unberührt geblieben, aber auch in Ha Giang werden neue Straßen gebaut. Die ersten Hotels entstehen und damit Arbeit. Vielleicht trägt der wachsende Wohlstand dazu bei, den Menschenhandel hier zurückzudrängen. Und vielleicht, hofft die Frau, trage ihre Geschichte dazu bei, Aufmerksamkeit zu schaffen für den Kampf gegen den Frauenraub.

Veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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