Portrait – Stil | Berliner Botschaft: Designer, die bleiben

Erschienen: Frankfurter Allgemeine Magazin

Ab heute dreht sich in Berlin wieder alles um die Mode. Hier sechs Designer, die wichtig werden.

Marina Hoermanseder

© Christoph Schlossnikel 

Mit ihrer ersten Kollektion kam sie ins Museum des Fashion Institute of Technology in New York, und Lady Gaga trug einen ihrer Entwürfe auf der Bühne. Besser kann es nicht beginnen.

Marina Hoermanseder, die in Wien geboren wurde, studierte zunächst Wirtschaft, weil ihr Vater es wollte, dann Design. Ihr strategisches Geschick hat sie den meisten Modemachern voraus. Aber auch an kreativen Ideen fehlt es nicht. Schon ihre Abschlusskollektion an der Esmod Berlin präsentierte sie international. Mit ihrer Debüt-Kollektion zur Berliner Modewoche 2014 gewann sie gleich den “Premium Young Designers Award” und den Preis “Start Your Fashion Business” des Berliner Senats.

Ihre mittlerweile fast schon berüchtigten Lederröcke und Korsetts sind von historischen orthopädischen Geräten inspiriert und werden in Handarbeit in Berlin hergestellt – ausgefallen, aufwendig und kostspielig. Sie stehen neben kommerzielleren Teilen wie Blusen mit Lederknopfleiste für 190 Euro, Pullovern mit Logo für 119 Euro oder Lederarmbändern für 79 Euro, die sich viel mehr Kunden leisten können.

Die Balance zwischen künstlerischem Anspruch und Wirtschaftlichkeit ist ihr wichtig, denn sie sieht, was nur wenige Jungdesigner im Blick haben: dass man Modemacher und Unternehmer sein muss. Das Profil ihres eigenen Labels baut sie durch stetige Kooperationen weiter aus, etwa mit Nike, Stilnest oder Austrian Airlines.

Wegen ihres unternehmerischen Geschicks und ihrer originellen Kollektionen mit unverkennbarer Handschrift wird sie (mit Nobieh Talaei) besonders vom “Fashion Council Germany” gefördert. Die Inspiration der nächsten Kollektion ist, passend zur Überfliegermarke, Amelia Earhart, die Flugpionierin, die weiblichen Freigeist und Stärke verkörpert. Zu den Lederstücken treten maskuline Fliegerjacken und Kapuzenmäntel. Die Verzierungen stammen aus dem 3D-Drucker.

Bobby Kolade: Subkulturell gemischt

In den siebziger Jahren war Berlin mit David Bowie und Iggy Pop mal eine Stadt der Subkultur, in der sich Kunst, Musik und Mode mischten. Kunst, Musik und Mode gibt es heute auch wieder, nur fehlt eine starke subkulturelle Mischung. Ansätze immerhin gibt es bei Bobby Kolade, denn kein Designer spiegelt die Vielschichtigkeit Berlins im Jahr 2016 so wider wie er. Dabei ist der Designer, der einen deutschen Vater und eine nigerianische Mutter hat, in Uganda aufgewachsen und erst zum Studium an der Kunsthochschule Weißensee nach Berlin gekommen. Seit Mai 2013 bringt er den Geist der Stadt ganz neu auf den Laufsteg.

Seine Kollektionen sind exzentrisch, bunt, androgyn. Sie machen Spaß und versprühen Energie. Die Entwürfe stellen männliche und weibliche Silhouetten gegenüber, vor allem Anzüge und Mäntel in ungewöhnlichen Texturen. Dabei spielen seine Wurzeln eine wichtige Rolle: Die Farben und die Materialien Afrikas – äthiopische Rohbaumwolle und ugandische Feigenbaumrinde – finden sich immer wieder.

38020065

© William Minke 

Seine Geschäftsführerin Greta Dombrowski, die ehemalige Studiomanagerin von Wim Wenders, bringt ihn künstlerisch und strategisch weiter. Schon seit Gründung des Labels arbeiten die beiden mit zwei PR-Agenturen zusammen, darüber hinaus gibt es eine Pariser Vertriebsagentur, die neben London für dieses Jahr neue Händler in Los Angeles und China erschlossen hat. In Deutschland sind die ausgefallenen Stücke, die von 250 Euro an zu haben sind, übers Internet und im Berliner Happy Shop erhältlich.

Auch das Studio wird ausgebaut. Gerade ist eine Schnittmacherin zum sieben Mitarbeiter starken Team gestoßen, und es soll noch größer werden: “Wir investieren unsere Ressourcen in das Team”, sagt Bobby Kolade. “Je mehr Kompetenzen wir von anderen übernehmen, desto mehr Zeit habe ich für die eigentlichen Kollektionen.”

William Fan: Doppelt belastbar

Wer eine Struktur hat, arbeitet schneller und besser. Und die Struktur hat sich William Fan schon aufgebaut, als er noch an der ArtEZ im niederländischen Arnheim und dann an der Kunsthochschule Weißensee studierte. Während seines Studiums reiste er immer wieder mit einem Rollkoffer voller Entwürfe nach Hongkong und klopfte an die Türen von Fabriken, um über die Produktion kleiner Auflagen zu verhandeln. Er sammelte Praxiserfahrung bei Alexander McQueen und arbeitete für das Taschenlabel Chi Chi Fan.

Noch bevor William Fan seine Debüt-Kollektion bei der Berliner Fashion Week im Januar 2015 zeigte, hatte er sich auf diese Weise einen Plan für sein Label und eine Produktions-Infrastruktur für Bekleidung, Accessoires und Schuhe aufgebaut. Er will liefern können, wenn die Anfragen kommen.

38020070

© Detlef Eden

William Fan baut nicht nur seine eigene Marke auf. Er ist auch Kreativdirektor des Berliner Accessoire-Start-Ups Horizn Studios und reist dafür das ganze Jahr zwischen Berlin, Mailand und Hongkong hin und her. Das ist zwar eine doppelte Belastung, aber zugleich auch doppelt so viel Erfahrung und finanzielle Sicherheit, die gerade junge Designer am Anfang brauchen.

Struktur und Disziplin, die William Fan mitbringt, sind für den Aufbau eines eigenen Modeunternehmens so wichtig wie eine klare ästhetische Linie. Seine Kollektionen, die überwiegend aus Unisex-Teilen bestehen, sind von einem pragmatischen Klassizismus geprägt, der in eine digitale Kultur eingebettet ist.

Normierte Anzüge und Uniformen in klassischen Blau- und Schwarztönen dekonstruiert Fan zu zeitgemäß lockeren Schnitten. Experimente mit High-Tech-Stoffen und Details an Knöpfen und Schmuck, die an seine chinesische Herkunft erinnern, brechen den üblichen Rahmen. Außer seiner regulären Kollektion will der Designer langfristig kostengünstigere Basic-Teile anbieten, um seine Marke weiter auszubauen.

Wolfgang Joop: Überraschend neu

Wolfgang Joop bezeichnet sich gerne als “eigentümliches Zwitterwesen”, denn so richtig scheint er nicht in die deutsche Mode zu passen. Er hält sich weitgehend von der Modewoche fern, es zieht ihn aber trotzdem nach Berlin. Weil ihm Potsdam zu klein wird, arbeitet das Unternehmen künftig im ehemaligen Hotel Bogota, das mit seiner wechselhaften Geschichte kaum besser zu Joops Marke Wunderkind passen könnte. Auch wenn Potsdam der persönliche und kreative Rückzugsort bleibt.

Unter dem neuen Geschäftsführer Peter Kappler, der schon für den Erfolg von Joop! mitverantwortlich war, gibt es eine ganze Reihe von Veränderungen. Im Sommer 2015 hat Wunderkind seine erste Pre-Kollektion in Showrooms in Mailand, Paris und Potsdam präsentiert und damit die neue Ordnung von vier Kollektionen und 200 zusätzlichen Teilen pro Jahr eingeführt. Statt der 2000-Euro-Kleider sollen die preisgünstigeren Stücke der Zwischenkollektionen den Weg zu echtem wirtschaftlichen Erfolg ebnen – wie bei so vielen internationalen Modeunternehmen.

Pret-a-Porter - Französische und internationale Modehäuser stellen in Paris ihre Kollektionen für die Saison Herbst/Winter 2009 vor

© Helmut Fricke  

Ästhetisch hat aber Wolfgang Joop alles im Griff, der von seinem sechs Mitarbeiter umfassenden Designteam unterstützt wird. Seine Mode: extrem extravagant, extrem extrovertiert, mit vielen historischen Referenzen aus seinem mittlerweile unerschöpflichen Archiv.

Wunderkind ist eine der wenigen deutschen Marken mit internationaler Ausstrahlung. Wie nur wenige andere Deutsche, darunter Talbot Runhof und Allude, präsentiert sich die Marke beim Prêt-à-porter in Paris. Möglich, dass Wunderkind mit dem neuen Geschäftsführer Kappler und einer neuen Strategie noch zu richtiger internationaler Größe heranwächst, so wie damals Joop! in den neunziger Jahren.

Der offiziellen Berliner Modewoche bleibt Joop mit Wunderkind aber trotzdem fern. Er zeigt Händlern und Pressevertretern die Kollektion in diesen Tagen in seinen eigenen Räumen.

Nobi Talai: Erfahren beginnend

Nobieh Talaei hat das gemacht, was eigentlich die Regel sein sollte, in Berlin aber eine Ausnahme ist: Nach ihrem Abschluss an der Esmod Berlin 2003 ist sie in die Industrie gegangen. Zwölf Jahre war sie im Merchandising und Retail internationaler Modehäuser tätig, machte einen kurzen Abstecher in die Inneneinrichtung und wagte erst 2015 unter dem leicht verkürzten Markennamen Nobi Talai den Schritt in die Selbstständigkeit. Mit diesem professionellen Hintergrund beginnt sie nicht etwa als Ein-Frau-Projekt, sondern von Anfang an als echtes Unternehmen mit einem festen Team und großzügigem Atelier, in dem teilweise produziert wird.

Nicht nur die Professionalität, auch ihre Handschrift überzeugt. Die gebürtige Teheranerin und Enkelin einer nomadischen Hochzeitsschneiderin bringt frischen Wüstenwind in die Stadt. Ihre Entwürfe sind ein Zusammenspiel aus architektonischen Schnitten, Drapierungen und traditionellen vorderasiatischen Elementen in zurückhaltenden Farben: “lebenslange Reisebegleiter” für kosmopolitische moderne Nomadinnen, wie sie sagt.

38020074 © Hersteller Vergrößern Nobi Talai: Die gebürtige Teheranerin und Enkelin einer nomadischen Hochzeitsschneiderin bringt frischen Wüstenwind in die Stadt.

Für ihr Debüt beim “Berliner Mode-Salon” in der vergangenen Saison inszenierte sie ihre Modelle in einer Sandlandschaft. Der “Fashion Council Germany” hat sie dafür als eine von zwei ersten “Mentees” ausgewählt; bei der Messe Premium ist sie für den “Young Designers Award” nominiert.

Aber die wohl größte Ehrung für eine Jungdesignerin: Der Handel ist auf sie aufmerksam geworden. Von Februar an ist ihre erste Kollektion bei Stylebop erhältlich. Mit Oberteilen ab 279 Euro und Jacken ab 549 Euro steigt sie im unteren Preissegment des Luxusmarktes ein. Zur Modewoche darf man mit ihrer zweiten Kollektion “NT.02” eine Weiterführung ihrer nomadischen Erzählungen erwarten, mit Tuniken und Capes in Naturfarben, Anthrazit und Taupe. Kaum eine Berliner Neugründung könnte gerade spannender sein.

Perret Schaad: Geradlinig ausdrucksstark

In den Jahren 2009 und 2010 gründeten mehrere vielversprechende Talente in Berlin eigene Labels: Michael Sontag, Hien Le, Vladimir Karaleev, um nur ein paar zu nennen. Am weitesten gekommen aus dieser Zeit sind Perret Schaad, die bei ihrem Debüt “Jil Sanders Töchter” genannt und mit Preisen wie dem “Start Your Fashion Business Award” ausgezeichnet wurden.

Johanna Perret und Tutia Schaad lernten sich an der Kunsthochschule Weißensee kennen. Gemeinsam arbeiteten sie bei Givenchy in Paris. Und sie fanden schnell ihren gemeinsamen Stil: minimalistische Mode mit anspruchsvollen Drapierungen und gewagten Farbkombinationen. Ihre architektonischen Strukturen, die sie mal in einer Galerie auf hohem Podest, mal in der Neuen Nationalgalerie präsentieren, kleiden die Bauhaustradition in einen zeitgemäßen Look, der so pragmatisch ist wie schön.

F.A.Z. Modeempfang 2015 Präsentation der Schwarzweiߟporträts im Atrium der F.A.Z. Redaktion in Berlin

© Helmut Fricke

Zu ihren Fans gehören spannende Frauen wie die Schauspielerin Hannah Herzsprung, die Kostümbildnerin Aino Laberenz, das Model Eva Padberg oder die Künstlerin Alicja Kwade – ungefähr die Kundinnen, die sich jeder Modemacher wünscht.

So geradlinig und ausdrucksstark wie ihre Kollektionen sind auch die Designerinnen, die sich nicht im Ästhetischen verlieren. Ihr Netzwerk wächst, mit Boutiquen in Deutschland, den Vereinigten Staaten und der Schweiz, mit dem eigenen Shop im Internet und dem Verkauf über Moda Operandi. Zu den saisonalen Kollektionen gibt es wiederkehrende Blusen und Blusenkleider sowie Lederetuis.

Das Portfolio wird auch in diesem Jahr weiter ausgebaut: “Wir haben noch eine Menge Ideen, die wir in Zukunft umsetzen wollen”, sagt Tutia Schaad. Ausprobiert haben sie sich zum Beispiel schon mit Uniformen für das Luxushotel Lanserhof. Zum letzten Mal sind sie nun im “Vogue Salon”. Ihre neue Kollektion lässt schon Herbststimmung aufkommen, mit grafischen Elementen und warmen Farben.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.