Kommentar – Feuilleton | Tief im Westen

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Ist man, wenn man Weltbürger ist, ein unverankertes Blättlein im Nirgendwo? Da möchte man Theresa May widersprechen. Doch auch dem globalisierten Bürger hängt immer noch seine soziale Herkunft am Bein.

Auf die Frage, was er von der westlichen Zivilisation halte, antwortete Mahatma Gandhi einst: „Ich denke, sie wäre eine sehr gute Idee.“ Das war 1931, als sich die Überzeugung von der Überlegenheit der eigenen Kultur im Westen längst verfestigt hatte. Aus dem Nukleus dieses westlichen Denkens heraus legt nun auch der britisch-ghanaische Philosoph Kwame Anthony Appiah die westliche Zivilisation ad acta. In seiner BBC-Reith-Lecture, die auf Theresa Mays Aussage reagierte, Weltbürgerschaft sei Bürgerschaft im Nirgendwo, leitet Appiah die abendländische Kultur aus einer Polyphonie von Einflüssen aus dem heutigen Europa, Vorderasien und Nordafrika her.

Der griechische Historiker Herodot, geboren in der heutigen Türkei, wäre laut Appiah nie auf die Idee gekommen, kulturelle Identität auf geographisch begrenzte Räume wie Europa, Asien und Afrika zu reduzieren. Die geographische Dichotomie von Kultur ergebe in Anbetracht der historischen Umstände überhaupt keinen Sinn, und die noch immer vorherrschende Unterscheidung in westliche „Hochkultur“ und restliche „Primitivkultur“ sei immer schon ein Oxymoron gewesen. Appiah plädiert für einen inklusiven Kulturbegriff, der über der Grenze zwischen Okzident und Orient schwebt.

Nur ist der Denker selbst nie aus seinen westlichen Denkräumen herausgekommen. Nach der Promotion in Cambridge und der ersten Professur in Princeton unterrichtet er heute an der New York University. Gerade die übt sich im amerikanischen Kulturimperialismus und exportiert ihre Idee von Bildung auf Campusse in aller Welt, die – wie im Fall der NYU Abu Dhabi – schon mal unter sklavenähnlichen Bedingungen von Gastarbeitern errichtet werden.

Derweil werden designierte Studenten in der Heimat daran erinnert, dass die Elite-Universität nicht für jeden da ist. „Remember, NYU is not for everybody“, heißt es in den Zusage-Briefen. Appiah, der von sicherem Ort aus eine über nationale und religiöse Identitäten hinausgehende kulturelle Inklusion fordert, ist die soziale Ebene fremd. „Homo sum, humani nihil a me alienum puto“ – ich bin Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd, schließt er mit Terenz. Der ehemalige Sklave Terenz hatte zwar zeitlebens den Beinamen „der Afrikaner“ beibehalten, musste bei seinem Aufstieg zum gefeierten Dichter Roms neben geographischen aber auch Klassengrenzen überwinden.

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