Artikel – Stil | Passt nicht passt eben doch

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Bei der vergangenen Berlin Biennale im Juni dieses Jahres ging es nicht nur um Kunst. Für eine Kunstschau gab es ungewöhnlich viel Mode zu sehen. Da waren Kostüme von Hood by Air im Video der Künstler Alexa Karolinski und Ingo Niermann. Da war die Installation zwanzig lebensgroßer Glasfaser-Abbilder von Telfar in der Akademie der Künste oder die Laufsteg-Show von Nhu Duong, die ihre Kollektion für Sommer 2017 in der Feuerle Collection vorstellte.

Die Biennale selbst wurde von der New Yorker Gruppe DIS kuratiert, die mal als Kunst-, mal als Mode-Kollektiv gehandelt wird und die genannten Designer im Sinne des übergreifenden Themas im angesagten The Store in einen kommerziellen Rahmen setzte. Einige Wochen später traf man dieses Kollektiv, ebenso wie beinahe die gesamte jüngere Berliner Kunstszene, bei einer Abendveranstaltung zum Launch der amerikanischen Mode-Plattform Made wieder. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von den Labels Eckhaus Latta und Ottolinger.

Die Kunst öffnet sich für andere Disziplinen

Warum das bemerkenswert ist? Weil die Kunst nach Jahren des Elfenbeinturmdaseins wieder durchlässiger wird für andere Disziplinen. Es erinnert ein bisschen an damals, als diese Interdisziplinarität Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Europa und Amerika schon mal im größeren Stil dagewesen war, als zum Beispiel am Bauhaus Künstlerinnen und Textiltechnikerinnen wie Anni Albers und Lilly Reich Seite an Seite mit Architekten und Künstlern wie Walter Gropius und László Moholy-Nagy zusammengearbeitet haben. Oder in Paris, wo sich Künstler und Modemacher im Salon R-26 die Hand gaben. Oder am Black Mountain College in North Car0lina, dort inspirierten sich Musiker, Maler und Choreographen wie John Cage, Robert Rauschenberg und Merce Cunningham gegenseitig.

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Jene Kreise von Kunst und Musik, die sich gerne als Refugium gegen die kommerzialisierte Mainstream-Welt sehen, bilden sich heute wieder öfter in Kollektiven. Und in ebendiesen Kreisen begegnet man nun auch immer wieder den Namen derselben Modedesigner. Als gäbe es ein Gravitationsfeld innerhalb dieser Szenen, das Gleichgesinnte anzieht. Dazu gehören zum Beispiel Hood by Air und Telfar aus New York, Eckhaus Latta aus Los Angeles, Craig Green aus London. Oder aus Paris Koché, Wanda Nylon, Y-Project und Vetements, aus Berlin Nhu Duong und Ottolinger und aus Mailand Off-White.

Diese Gleichgesinnten werden jetzt als Cool Kids der Mode entdeckt. Sie gehören alle der Generation Y an, jener, die in Zeiten wirtschaftlicher Rezessionen und Unsicherheiten herangewachsen ist und deren Angehörige in den vergangenen Jahren als Kreativ-Direktoren in der Modewelt angekommen sind. Ebendiese wirtschaftliche Unsicherheit spiegelt sich auch in der Industrie, die von internationalen Business-Konglomeraten dominiert wird und wenig Raum für junge, aufstrebende Marken lässt. Es ist, als wäre es gerade deshalb nun Zeit für diese Designer, deren Kollektionen zu den spannendsten gehören, die es in der Mode seit langem gegeben hat und die sich als Aussage gegen die meisten anderen Produkte einer oft allzu manikürten Branche lesen lassen.

„Um als Designer Karriere zu machen, braucht es in der Regel eine Weile“, sagt Glenn Martens vom Pariser Label Y-Project. „Viele der Designer von heute sind in den achtziger und neunziger Jahren groß geworden und referieren an ihre Jugend. Sie haben Phasen verschiedener Musik-Szenen wie Techno und American Hip-Hop und Straßenkulturen durchlebt, und da gibt es Gemeinsamkeiten“, sagt Martens.

Abgesehen davon, sei die Arbeit als Designer dieser Tage so anstrengend – der immer schneller werdenden Rhythmen wegen, eine klassische Vierzig-Stunden-Woche mit Wochenenden für die meisten undenkbar –, dass Arbeit und Freizeit oft ineinander übergehen müssen. Das Ausgehen ist dabei ein willkommenes Ventil, um Druck rauszulassen und gleichzeitig als Inspiration zu dienen.“

Kein Wunder also, dass jetzt unter den Cool Kids der Mode eine gewisse Gang-Kultur um sich greift. Martens übernahm 2013 die Kreativ-Direktion von Y-Projects, nachdem Gründer Yohan Serfaty nach nur drei Jahren im Geschäft verstorben war. Damit trat er zwar das Erbe eines anderen an, aber im Gegensatz zu Kreativ-Direktoren historisch etablierter Häuser musste er sich nicht in den vorgegebenen Rahmen eines alten Namens einfügen und konnte Y-Project ästhetisch zu seiner Marke machen. Und das bedeutet, den Kollektionen einen Eklektizismus einzuhauchen, der geprägt ist von den Einflüssen der Underground-Kulturen der achtziger und neunziger Jahre; von zu engen Tops, zu langen Ärmeln, zu großen Bomberjacken, von dekonstruierten Schnittmustern und einer verstörenden Kreuzung aus Straßenkultur und Luxus.

Es ist eine Ästhetik, mit der auch die anderen Designer seiner Generation arbeiten. So hat das Label Ottolinger für diesen Herbst eine Debüt-Kollektion voller Zerrissenheit gezeigt: kunstvoll ausgebrannte Blusen, zerfranste Jeans, verrückte Anzüge und Kleider, die man gut als Stoff-Frankenstein bezeichnen könnte. Aber gerade damit haben sie den Nerv der Zeit getroffen. In der von Großkonzernen dominierten und deshalb langweilig zu werden drohenden Mode passt das Unpassende gerade ganz gut.

„Es gibt momentan eine Bewegung, die dahin geht, unpolierter, roher und persönlicher zu sein“, sagt Cosima Gadient von Ottolinger. „Sicherlich spielen die Umstände, in denen wir aufgewachsen sind, und eine gewisse Unsicherheit, nicht zu wissen, wohin es geht, eine Rolle. Wir entwerfen einen Look und zerstören ihn wieder. Wir nehmen unsere eigenen Inspirationen auseinander. Wir schaffen etwas, was wir selbst nicht verstehen, weil genau das am interessantesten ist.

Dieser Kreislauf von Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion findet sich auch bei den New Yorker Labels Hood by Air und Telfar wieder, die, wenn es um luxuriöse Sportswear geht, schon seit einigen Jahren Stars sind. So ist Shayne Olivers Hood by Air ein ästhetischer Ausdruck seiner Biografie als homosexueller Außenseiter in einer maskulin dominierten Umgebung. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er in Trinidad, bevor er 1998 zu seiner alleinerziehenden Mutter nach Brooklyn zog. Bedford-Stuyvesant, die Gegend, in der er aufwuchs, wurde von Afro-Amerikanern bevölkert, als Harlem zu klein geworden war, und blieb bis zur Gentrifizierung Anfang der Zweitausender das, was man in Deutschland als ein soziales Brennpunktviertel bezeichnen würde.

Auf der Straße wurde Oliver als zu verweiblicht gehänselt, von den Lehrern in der Schule als schwarzer Störenfried gesehen. Die letzten drei Jahre Schulzeit hat er auf der Harvey Milk High School verbracht, auf der ersten Schule für lesbische, schwule und transsexuelle Jugendliche in den Vereinigten Staaten. Die Schüler dort hatten in der Regel immer mehrere Outfits in der Tasche: eines für die Straße, um nicht angegriffen zu werden, eines für die Schule, wo sie sich ausleben konnten, und eines, das schick genug zum Ausgehen war – weil es gefährlich sein konnte, falsch angezogen zu sein.

Oliver hat es schon als Jugendlicher als Herausforderung gesehen, Outfits zu entwickeln, mit denen er sich überall sehen lassen konnte. Diese Erfahrungen aus seiner Jugend überträgt er nun in die Mode, seine Kreationen sind Grenzgänge zwischen Straßenkultur und Luxus, zwischen maskulin und queer.

„Es geht darum, sich einer Generation zugehörig zu fühlen“, sagt die von Berlin aus arbeitende Designerin Nhu Duong. Dabei sei es auch wichtig, andere Kunstformen in Betracht zu ziehen. Ebendieses kollektivistische und kollaborative Element, das sich dem Hyper-Individualismus der letzten Jahre widersetzt, wird immer zeitgemäßer. Seit 2014 verschafft es Vetements Auftrieb, und mit GmbH ist auch ein Berliner Club-Label in die Riege der Mode-Kollektive eingetreten.

Dabei sind natürlich weder Kollektivisimus noch Straßenkultur auf dem Laufsteg etwas Neues. Zwischen 1994 bis 1997 hat die Bernadette Corporation, eine Gruppe, die aus dem Nachtleben New Yorks entstanden war und sich den Namen eines Unternehmens gab, Mode zwischen Luxus und Straßenkultur gemacht, die mal mit einem Cheerleader-Squad gezeigt wurde, mal mit Teilen von Nike oder Fila. Das Werk des Kollektivs, das unter anderem ein Modemagazin namens „Made in USA“ umfasst, Filme sowie einen Roman namens „Reena Spaulings“, wird mittlerweile in Museen und Kunstvereinen gezeigt.

Eine Inspiration bleibt die Herangehensweise der Bernadette Corporation mit ihren Grenzgängen für die Mode- ebenso wie für die Kunstszene. Aber nicht nur an sie erinnert der Look der jungen Designer von heute, sondern auch an die Silhouetten von Rei Kawakubos Comme des Garçons und Martin Margiela aus den achtziger und neunziger Jahren. Sie waren ebenso Avantgardisten in einer Zeit, da die Großkonzerne gerade mit der Markenakquise begonnen hatten.

Letztere kommen nun wiederum nicht darum herum, die Rebellen – die Cool Kids von heute – doch anzuerkennen. So hat der milliardenschwere Kering-Konzern im vergangenen Jahr Vetements-Mitbegründer Demna Gvasalia als Kreativ-Direktor für Balenciaga rekrutiert.

Tatsächlich hat Gvasalia während der vergangenen Pariser Modewoche für Balenciaga eine der wenigen Kollektionen gezeigt, die Trends setzen könnten. Aber so gut sie waren, die viel zu großen Bomberjacken und experimentellen Anzüge, mit denen er Cristóbal Balenciagas Formliebe Hommage bezeugen will, sie erinnern trotzdem so sehr an Vetements, dass sie bei dem ehrwürdigen Traditionshaus etwa so glaubwürdig anmuten wie ein antikapitalistisches Pamphlet in einem Wirtschaftsmagazin.

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